Seit es bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie (MRT) gibt, können Hirnforscher zeigen, welche Gehirnareale bei bestimmten Sinneswahrnehmungen, Körperfunktionen oder Emotionen aktiv sind. Häufig wird daraus die unreflektierte Schlussfolgerung gezogen, dass unsere Emotionen und Wahrnehmungen im Gehirn entstehen, dass Bewusstsein also ein Erzeugnis unseres Gehirns sein muss. Für diese Annahme gibt es allerdings keine Beweise. Im Gegenteil gibt es belastbare Indizien, die das Gehirn als Ursprung von Bewusstsein unwahrscheinlich erscheinen lassen. Davon zeugen unter anderem die auf dieser Artikelseite vorgestellten Studien über Menschen, die trotz massiver Hirnschädigungen dauerhaft oder zumindest kurzfristig über ein klares Bewusstsein verfügen.
Wie kann es sein, dass ein Mensch bei nur 10 Prozent der üblichen Gehirnmasse über ein völlig ungestörtes Bewusstsein verfügt? Spricht das nicht eindeutig gegen die Behauptung, dass Bewusstsein im Gehirn entsteht?
Bislang hat dieser Fall zu keinem Umdenken in den Neurowissenschaften geführt. An der Grundannahme, dass Bewusstsein ein Gehirnprodukt sein muss, hält die Hirnforschung weiterhin fest. Manche Experten versuchen, den verblüffenden Fall des französischen Büroangestellten mit einer enormen Anpassungsfähigkeit des Gehirns zu begründen. So mutmaßt zum Beispiel Dr. Max Muenke vom US-amerikanischen National Genom Research Institute:
„Wenn etwas über einen längeren Zeitraum sehr langsam geschieht, möglicherweise über Jahrzehnte, dann übernehmen verschiedene Teile des Hirns Funktionen, die normalerweise von den Teilen ausgeführt werden, die nun zur Seite gedrückt sind.“ (Muenke, Max, in: Der Spiegel – Wissenschaft vom 20.07.2007: Medizinischer Sonderfall – Normal leben mit einem Zehntel Gehirn)
Wenn sich das Gehirn des französischen Büroangestellten in einem langen Zeitraum nur ganz allmählich veränderte, könnte es dieser Hypothese zufolge genügend Zeit gehabt haben, auch mit am Ende nur zehn Prozent seiner ursprünglichen Masse eine Theorie über sich selbst zu entwickeln.
Zweifelsfrei bewiesen sind diese Mutmaßungen freilich nicht. Sie waren aber die zu erwartende Reaktion der wissenschaftlichen Community auf ein unerklärliches Rätsel. Wie Sie auf der Artikelseite "Starre Paradigmen und kognitive Dissonanz" nachlesen können, führen beobachtbare Fakten, die einer vorherrschenden Theorie zu widersprechen scheinen, in der Regel nicht dazu, dass diese Theorie hinterfragt wird. Stattdessen bemühen sich die Wissenschaftler zunächst darum, ihre Theorie dahingehend zu modifizieren, dass sie die unerklärliche Neuentdeckung integrieren kann. Die Geschichte von dem Mann, dessen Gehirn zu einer dünnen Schicht unter der Schädeldecke zusammengeschrumpft war, genügt offenbar nicht, um die naturwissenschaftliche Theorie vom Gehirn als Quelle des Bewusstseins zu widerlegen. Gleichwohl streut sie berechtigte Zweifel. Plausibel zu erklären, dass und wie Bewusstsein im Gehirn entsteht, dürfte dadurch für die Neurowissenschaft nicht gerade leichter geworden sein.
Die Dame war zu diesem Zeitpunkt 91 Jahre alt, litt bereits seit 15 Jahren an Alzheimer und hatte seit fünf Jahren ihre nächsten Anverwandten nicht mehr erkannt. Selbst eine ihrer beiden Töchter, von der sie in deren Haus gepflegt wurde, erkannte sie nicht. Doch eines Tages – die zweite Tochter war gerade zu Besuch – wurde die Dame plötzlich völlig klar. Erstmals seit etwa fünf Jahren erkannte sie ihre Töchter und begann, ein ganz normales Gespräch mit ihnen zu führen. Darin erkundigte sie sich nach dem Wohlbefinden ihrer Familienangehörigen, sprach über ihre Angst vor dem Tod und schilderte ihre Probleme, die sie mit gewissen Einstellungen der Kirche hatte. In der darauffolgenden Nacht starb sie (Diesen Fall schildert Nahm im unten verlinkten Online-Vortrag ab Minute 8:35).
109:53 Minuten, deutsch
In diesem Online-Vortrag stellt Dr. Michael Nahm von Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) das Phänomen der terminalen Geistesklarheit vor und geht dabei auch auf weitere Forschungsfelder und Fragen ein, die damit in Verbindung stehen.