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Bewusstseinsforschung

Wo steckt das Bewusstsein (1/5) 
Medizinische Rätsel: Volles Bewusstsein trotz Hirnschäden


Seit es bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie (MRT) gibt, können Hirnforscher zeigen, welche Gehirnareale bei bestimmten Sinneswahrnehmungen, Körperfunktionen oder Emotionen aktiv sind. Häufig wird daraus die unreflektierte Schlussfolgerung gezogen, dass unsere Emotionen und Wahrnehmungen im Gehirn entstehen, dass Bewusstsein also ein Erzeugnis unseres Gehirns sein muss. Für diese Annahme gibt es allerdings keine Beweise. Im Gegenteil gibt es belastbare Indizien, die das Gehirn als Ursprung von Bewusstsein unwahrscheinlich erscheinen lassen. Davon zeugen unter anderem die auf dieser Artikelseite vorgestellten Studien über Menschen, die trotz massiver Hirnschädigungen dauerhaft oder zumindest kurzfristig über ein klares Bewusstsein verfügen.


1) Ein medizinisches Rätsel: Volles Bewusstsein trotz zerstörtem Gehirn

im Jahr 2007 wurde ein französischer Büroangestellter im Alter von damals 44 Jahren im Krankenhaus von Marseille vorstellig, weil er eine Schwäche in seinem linken Bein spürte. Bei eingehenderen Untersuchungen stellten die Ärzte fest, dass der Mann unter einem sogenannten Wasserkopf (Hydrocephalus) litt. Bei dieser Erkrankung sammelt sich zu viel Hirnwasser an und übt Druck auf das Gehirn aus. Das führt in der Regel zu gravierenden Beeinträchtigungen des Sehvermögens, der Bewegungsabläufe und der allgemeinen Gehirnleistung – im schlimmsten Fall bis hin zur Demenz.

Im Fall des französischen Büroangestellten trug sich aber scheinbar ein medizinisches Wunder zu: Obschon der Patient nur noch über 10 Prozent (!) seiner Gehirnmasse verfügte, zeigte er abgesehen von seiner Schwäche im linken Bein keine weiteren Symptome. Das Hirnwasser hatte sein Gehirn vollständig an den Rand des Schädels gedrückt. Im Inneren seines Kopfes zeigten die tomografischen Aufnahmen eine riesige Leere. Dort befand sich also keinerlei (!) Gehirnsubstanz mehr. Dennoch führte der Mann ein gewöhnliches Leben bei vollkommen normalem Bewusstsein. Er war berufstätig, verheiratet und hatte zwei Kinder. Sein Intelligenzquotient war stark unterdurchschnittlich, er war aber keinesfalls zurückgeblieben oder geistig behindert. Nachzulesen ist das alles in der medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ vom 21. Juli 2007. Schon in den 1970er Jahren hatte Prof. John Lorber in einer umfangreichen Studie ähnliche Fälle von Wasserkopfpatienten zusammengestellt. Publiziert wurden Lorbers Erkenntnisse vom Wissenschaftsjournalisten Roger Lewin. In den Literaturangaben am Seitenende finden Sie die Links zu den jeweiligen Studien. 

Die Fachwelt stellt das vor ein riesiges Rätsel: 

Wie kann es sein, dass ein Mensch bei nur 10 Prozent der üblichen Gehirnmasse über ein völlig ungestörtes Bewusstsein verfügt? Spricht das nicht eindeutig gegen die Behauptung, dass Bewusstsein im Gehirn entsteht?

Bislang hat dieser Fall zu keinem Umdenken in den Neurowissenschaften geführt. An der Grundannahme, dass Bewusstsein ein Gehirnprodukt sein muss, hält die Hirnforschung weiterhin fest. Manche Experten versuchen, den verblüffenden Fall des französischen Büroangestellten mit einer enormen Anpassungsfähigkeit des Gehirns zu begründen. So mutmaßt zum Beispiel Dr. Max Muenke vom US-amerikanischen National Genom Research Institute:

„Wenn etwas über einen längeren Zeitraum sehr langsam geschieht, möglicherweise über Jahrzehnte, dann übernehmen verschiedene Teile des Hirns Funktionen, die normalerweise von den Teilen ausgeführt werden, die nun zur Seite gedrückt sind.“ (Muenke, Max, in: Der Spiegel – Wissenschaft vom 20.07.2007: Medizinischer Sonderfall – Normal leben mit einem Zehntel Gehirn)

Der Kognitionspsychologe Axel Cleeremans von der freien Universität Brüssel vermutet indes, dass Bewusstsein gar nicht an bestimmte Teile des Gehirns gebunden ist, sondern auf Basis des Zusammenspiels der Gesamtheit aller Nervenzellen in einem kontinuierlichen Lernprozess entsteht. Bewusstsein, so formuliert Cleeremans, sei eine „Theorie des Gehirns über sich selbst.“ 

Wenn sich das Gehirn des französischen Büroangestellten in einem langen Zeitraum nur ganz allmählich veränderte, könnte es dieser Hypothese zufolge genügend Zeit gehabt haben, auch mit am Ende nur zehn Prozent seiner ursprünglichen Masse eine Theorie über sich selbst zu entwickeln.

Zweifelsfrei bewiesen sind diese Mutmaßungen freilich nicht. Sie waren aber die zu erwartende Reaktion der wissenschaftlichen Community auf ein unerklärliches Rätsel. Wie Sie auf der Artikelseite "Starre Paradigmen und kognitive Dissonanz" nachlesen können, führen beobachtbare Fakten, die einer vorherrschenden Theorie zu widersprechen scheinen, in der Regel nicht dazu, dass diese Theorie hinterfragt wird. Stattdessen bemühen sich die Wissenschaftler zunächst darum, ihre Theorie dahingehend zu modifizieren, dass sie die unerklärliche Neuentdeckung integrieren kann. Die Geschichte von dem Mann, dessen Gehirn zu einer dünnen Schicht unter der Schädeldecke zusammengeschrumpft war, genügt offenbar nicht, um die naturwissenschaftliche Theorie vom Gehirn als Quelle des Bewusstseins zu widerlegen. Gleichwohl streut sie berechtigte Zweifel. Plausibel zu erklären, dass und wie Bewusstsein im Gehirn entsteht, dürfte dadurch für die Neurowissenschaft nicht gerade leichter geworden sein.

2) Terminale Geistesklarheit

Weitere Indizien für ein vom Gehirn unabhängiges Bewusstsein liefern ungewöhnliche Fallbeispiele, die der Biologe Dr. Michael Nahm zum einen in seinem Buch „Terminale Geistesklarheit: Wenn die Dunkelheit ein Ende findet“ und zum anderen auch in verschiedenen Fachartikeln mit weiteren internationalen Forschern zusammengetragen hat.

Darin berichtet Nahm von Menschen mit weit fortgeschrittenen, krankheitsbedingten Hirnschädigungen, die an der Schwelle zum Tod plötzlich für kurze Zeit ein vollkommen klares Bewusstsein zurückgewinnen (die entsprechenden Literaturangaben finden Sie am Seitenende). Starten wir mit einem konkreten Beispiel:

Der US-amerikanische Arzt Scott Haig betreute 2007 einen Patienten namens David, der an Lungenkrebs erkrankt war. Seine Metastasen streuten bis ins Gehirn, sodass David zunächst seine Sprachfähigkeit, dann seine Bewegungsfähigkeit und schließlich auch das Bewusstsein verlor. Laut Dr. Haig zeigte der letzte Gehirnscan ein „nahezu gänzlich zerstörtes Gehirn“. Fünf Minuten vor seinem Tod sei David dann aber plötzlich „erwacht“, habe völlig normal mit allen Anwesenden geredet, seinen Angehörigen die Hände getätschelt und ihnen lächelnd Lebewohl gesagt.

Dr. Michael Nahm selbst wurde aus seinem persönlichen Umfeld ein Bericht über die Mutter eines guten Bekannten übermittelt:

Die Dame war zu diesem Zeitpunkt 91 Jahre alt, litt bereits seit 15 Jahren an Alzheimer und hatte seit fünf Jahren ihre nächsten Anverwandten nicht mehr erkannt. Selbst eine ihrer beiden Töchter, von der sie in deren Haus gepflegt wurde, erkannte sie nicht. Doch eines Tages – die zweite Tochter war gerade zu Besuch – wurde die Dame plötzlich völlig klar. Erstmals seit etwa fünf Jahren erkannte sie ihre Töchter und begann, ein ganz normales Gespräch mit ihnen zu führen. Darin erkundigte sie sich nach dem Wohlbefinden ihrer Familienangehörigen, sprach über ihre Angst vor dem Tod und schilderte ihre Probleme, die sie mit gewissen Einstellungen der Kirche hatte. In der darauffolgenden Nacht starb sie (Diesen Fall schildert Nahm im unten verlinkten Online-Vortrag ab Minute 8:35).

Fallbeispiele wie diese stehen in einem offensichtlichen Widerspruch zur naturwissenschaftlichen Theorie des Bewusstseins als bloßes Gehirnprodukt. Denn bei derart massiv zurückgebildeten Gehirnen dürfte nach der Logik „Gehirn = Bewusstsein“ kein klares Bewusstsein mehr existieren. Selbst für einen ganz kurzen Moment könnte es sich dann nicht mehr Bahn brechen.

Da terminale Geistesklarheit ganz plötzlich und unerwartet auftritt, zieht hier auch das Argument der allmählichen Anpassungsfähigkeit des Gehirns nicht mehr, das die Neurowissenschaftler im Fall des französischen Büroangestellten mit dem Wasserkopf in den Ring warfen, um ihr materialistisches Paradigma zu verteidigen. Würde sich das Gehirn ganz allmählich anpassen und die noch gesunden Bereiche die Funktionen der fortwährend verkümmernden Bereiche sukzessive übernehmen, müsste das Bewusstsein ja eigentlich kontinuierlich weiterfunktionieren. Anders als beim französischen Wasserkopf-Patienten trübt sich aber das Bewusstsein derjenigen Patienten, die Michael Nahm beschreibt, mit fortdauerndem Krankheitsverlauf immer stärker ein. Das volle Bewusstsein erlangten diese Patienten auch nicht allmählich, sondern eben schlagartig und nur für eine kurze Dauer zurück. Selbst hartgesottene Skeptiker werden wohl zugeben müssen, dass sich die Gehirnanatomie unmöglich derart plötzlich und kurzfristig verändern kann.

Dennoch hält der wissenschaftliche Mainstream am bestehenden materialistischen Paradigma fest. Neben den Gründen, die wir auf er Artieklseite "Starre Paradigmen und kognitive Dissonanz" besprochen hatten, mag hierfür auch die Tatsache verantwortlich sein, dass die Forschung an terminaler Geistesklarheit zu einem großen Teil auf der Auswertung von anekdotischen Berichten von Angehörigen, Pflegepersonal und behandelnden Ärzten beruht. Warum ist das ein Problem?

Wenn ein Alzheimer-Patient wenige Stunden vor seinem Tod vollkommen klar wird und sich von seinen Angehörigen verabschiedet, die er zuvor nicht mehr erkannt hatte, sind das Begebenheiten, die im engsten Kreis unter Privatpersonen stattfinden und nicht unter wissenschaftlicher Aufsicht in einem Forschungslabor. Sozialwissenschaftler können die Beteiligten anschließend mit standardisierten Fragebögen und Interviewverfahren befragen. Dennoch erfüllen Fallbeispiele wie jene, die Michael Nahm und seine Forscherkollegen ins Feld führen, damit noch nicht die strengen Standards, die Naturwissenschaftler einfordern (siehe hierzu unsere Artikelseite "Wann gilt etwas als wissenschaftlich bewiesen?"): Die Anekdoten sind nicht objektiv überprüfbar und nicht unter kontrollierten Bedingungen reproduzierbar. Zum Vergleich: Im Prinzip wäre es jederzeit möglich, den französischen Büroangestellten mit dem Wasserkopf, sofern er noch lebt, erneut zu untersuchen. Man bräuchte nur sein Gehirn zu scannen, um nachzusehen, ob es tatsächlich zu 90 Prozent leer ist. Mit einem IQ-Test oder ähnlichen Testverfahren könnte man seine intellektuelle Leistungsfähigkeit ermitteln. So ließe sich dieser Fall objektiv überprüfen und wiederholt feststellen, ob der Bericht seines behandelnden Arztes auch wirklich stimmt. Um hingegen die Fälle terminaler Geistesklarheit zu überprüfen, reicht keine nachträgliche Befragung der Angehörigen, Pfleger und Ärzte. Die Angehörigen, Pfleger und Ärzte könnten ja lügen. Stattdessen braucht man objektive Fakten. Im Idealfall müssten sich Wissenschaftler persönlich zu einem Demenzpatienten begeben, sofern ein herannahender Tod vermutet wird. Dann müssten sie sich geduldig dazusetzen und darauf hoffen, dass die betreffende Person einen Moment völliger geistiger Klarheit zeigt. Diesen Moment sollten sie dann auf Video festhalten, um das Phänomen für ihre Kollegen überprüfbar zu machen. Ansonsten würde auch ihr Zeugenbericht nur eine subjektive Anekdote bleiben, von der Skeptiker behaupten könnten, sie sei gelogen. Es liegt auf der Hand, dass derartige Forschungsarbeit für Wissenschaftler weder praktikabel noch sonderlich erfolgversprechend ist. Und so bleibt es vorerst dabei, dass sich die Neurowissenschaftler nicht ernsthaft mit diesen für ihre theoretischen Überzeugungen potenziell umwälzenden Fallbeispielen auseinandersetzen. Die Forschung an terminaler Geistesklarheit fristet weiterhin ein kaum beachtetes Nischendasein.

VIDEO: Terminale Geistesklarheit - Interview mit Dr. Michael Nahm

109:53 Minuten, deutsch

In diesem Online-Vortrag stellt Dr. Michael Nahm von Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) das Phänomen der terminalen Geistesklarheit vor und geht dabei auch auf weitere Forschungsfelder und Fragen ein, die damit in Verbindung stehen.

3) Weiterführende Informationen und Buchtipps