Wie sich Thomas Campbell im Rahmen seiner Simulationstheorie den Sinn des Lebens erklärt und was nach unserem Tod passiert
Zur Entwicklung unseres Bewusstseins benötigen wir laut Campbell ein geeignetes Lernumfeld wie etwa unsere physische Welt – eine Umgebung, in der wir durch praktische Entscheidungen unsere Bewusstseinsqualität zum Ausdruck bringen und durch das Lernen aus unseren Fehlern den Wunsch entwickeln können, uns zu verbessern. Entwickeln sich einzelne Bewusstseinsfragmente (IUOC) in Richtung Liebe fort, steigert dies die Bewusstseinsqualität im Gesamtsystem (AUM/LCS). Damit das gelingt, erzeugten spezialisierte Bewusstseinszellen des „Larger Consciousness System“ (LCS) verschiedene Universen als Lernsimulation. Diese simulierten Universen bezeichnet Campbell entweder als „Physical Matter Realities“ (PMR) oder als „Non-Physical Matter Realities“ (NPMR), je nachdem welchen Gesetzmäßigkeiten sie folgen. In PMR sind die Gesetzmäßigkeiten sehr strikt, wie die Naturgesetze unserer physischen Welt. NPMR können wir uns derweil ähnlich wie Traumwelten vorstellen, in denen Raum und Kausalität deutlich flexibler erscheinen. Laut Campbell sind NPMR und PMR ineinander verschachtelt – wie Simulationen innerhalb von Simulationen (siehe Abbildung). Trotz solcher Hierarchien ist keine dieser Realitäten wirklich fundamental – nur Bewusstsein selbst ist fundamental. Es handelt sich also bei PMR nur um virtuelle Räume innerhalb von anderen virtuellen Räumen (NPMR).
Wir als IUOC befinden uns laut Campbell eigentlich in einer nichtphysischen Simulation (NPMR), die wir aber im normalen Wachbewusstsein nicht wahrnehmen, weil wir uns von unserer NPMR aus in eine physische Lernumgebung (PMR) begeben. Das ist vereinfacht ausgedrückt in etwa so, als würde ein Gamer, der sich eigentlich in einem Computerspieleladen befindet, eine VR-Brille aufsetzen, die eine täuschend echt wirkende Spielumgebung simuliert. Der Gamer entspricht in diesem Bild einem einzelnen Bewusstseinsfragment (IUOC). Der Computerspieleladen samt aller anwesenden Personen steht symbolisch für die nichtphysische Bewusstseinssphäre (NPMR). Zu den hier anwesenden Personen zählen neben den Mitarbeitern des Ladens alle anwesenden Kunden und natürlich auch der Gamer selbst. Die Spielumgebung in der VR-Brille entspricht unserem physischen Universum (PMR). Der Betreiber des Computerspieleladens und zugleich der „Gameserver“ der PMR-Simulation ist das „Larger Consciousness System“ (LCS). Von dort erhalten wir unsere physischen Wahrnehmungen wie Bilder, Töne, Gerüche, Schmerzen und so weiter als multisensoriellen Datenstrom.
Gemäß Campbells Modell sind Sie eine „Free Will Awareness Unit“ (FWAU, „Gewahrseinseinheit mit freiem Willen“), die eine Unterabteilung der umfassenderen „Individuated Unit Of Consciousness“ (IUOC) darstellt. Als FWAU steuern Sie Ihren virtuellen Körper (Avatar). Während Sie das tun, haben Sie keine „Zugriffsrechte“ auf die Gesamtbewusstseinsinhalte Ihrer IUOC (Ihres „höheren Selbst“).
In Campbells Wortschatz sind Sie ursprünglich eine IUOC „Individuated Unit Of Consciousness“. Diese besitzt die Möglichkeit, sich zu unterteilen, so wie man eine Festplatte partitionieren kann. Wenn eine IUOC eine PMR-Simulation „spielt“, tut sie das nicht zur Gänze, sondern mit einem spezialisierten Teilbereich (einer Partition). Diesen Teilbereich nennt Campbell FWAU: „Free Will Awareness Unit“. Frei übersetzt bedeutet das so viel wie „Gewahrseinseinheit mit freiem Willen“. Diese ist es letztlich, die „inkarniert“ (also die Simulation spielt).
Was Campbell IUOC nennt, weist eine gewisse Ähnlichkeit mit dem spirituellen Konzept des „höheren Selbst“ auf. Dies bezeichnet das vollständige und wahre metaphysische Sein der mit dem kosmischen Gesamtbewusstsein verbundenen, unsterblichen Seele. Was wir in unserem Körper wahrnehmen, ist demgegenüber nur ein unvollständiger Teilaspekt, der sich unwissend als vom Ganzen abgespaltenes Einzelwesen begreift und sich seiner eigentlichen Herkunft nicht bewusst ist. In der spirituellen Literatur wird dieser unvollständige Aspekt unseres Seins gerne als „Ego“ bezeichnet. Als scheinbar wurzelloses Individuum fürchtet es um seine Existenz und handelt aus dieser Angst heraus entsprechend selbstsüchtig und lieblos. So verstanden könnte „Ego“ übrigens auch als alternative Erklärung für dasjenige herhalten, was Schopenhauer als triebhaften „Willen“ identifizierte (siehe hierzu unsere Artikelseite zur Philosophie Schopenhauers).
Ego kann man aber nicht wirklich mit FWAU („Free Will Awareness Unit“) gleichsetzen. Ego bezeichnet für Campbell einfach nur einen dysfunktionalen Bewusstseinszustand. Eine Parallele gibt es trotzdem: Auch für Campbell erfahren wir uns in unserem menschlichen Avatar nicht in unserer vollständigen Ganzheit. Wenn wir ein neues Leben „spielen“, tun wir das als „unwissende Untereinheit“ (FWAU), für die der Zugriff auf sämtliche Informationen aus unseren Vor- und Zwischenleben gesperrt wird. Der Sinn dieser Unwissenheit besteht wie oben gezeigt darin, die Simulation möglichst echt wirken zu lassen. Sie bietet außerdem den Vorteil, einen wirklichen Neustart ermöglichen zu können, bei dem belastende, aber auch schöne Erinnerungen aus den Vorleben keine Komplikationen verursachen. Stellen Sie sich vor, Sie hätten in Ihrem heutigen Leben sämtliche Dramen, Krisen, Kriege, Morde und Traumata aus all Ihren Vorleben präsent – und noch dazu sehnsuchtsvolle Erinnerungen an hunderte Partner, Kinder und Freunde aus früheren Leben. Wäre das nicht eine heillose Überforderung?
Das Einzige, was Sie nach Campbell von Leben zu Leben mitnehmen, ist die im Laufe all Ihrer Leben weiterentwickelte Bewusstseinsqualität. So wird sich das „Ego“ im besten Fall mit fortschreitender Zahl von Inkarnationen reduzieren, sodass eine FWAU in späteren Spielrunden ein geringeres Ego an den Tag legen wird als in früheren Leben. Das würde auch widerspruchsfrei erklären, warum sich Schopenhauers „Wille“ in manchen Menschen scheinbar selbst verneint (siehe die Artikelseite zur Philosophie Schopenhauers): Menschen, die ihre Triebe zügeln und sich empathisch verhalten, sind solche, die eine höhere Bewusstseinsqualität erlangt haben.