Themenbereich
Rätselhafte Anomalien

Rätselhafte Funde und Bauwerke (5/5)
Fallbeispiel: Nazca-Linien


Rätselhaft und nur aus der Luft erkennbar: Warum die Bedeutung und die Urheber der berühmten Nazca-Linien nach wie vor unklar sind


1) Was sind die Nazca-Linien und wie werden sie von Archäologen gedeutet?

Die Nazca-Linien sind riesige Geoglyphen in der Wüstenregion von Nasca und Palpa in Südperu, die zwischen etwa 200 v. Chr. und 600 n. Chr. entstanden. Sie bestehen aus kilometerlangen Linien, geometrischen Mustern wie Dreiecken oder Spiralen sowie Tier- und Menschenfiguren, darunter Affen, Kolibris oder Spinnen. Manche Figuren sind bis zu 300 Meter lang.

Foto: Wikimedia (cc; Diego Delso, delso.photo)

Die klassische Archäologie deutet die Nazca-Linien als Ausdruck religiöser, sozialer und praktischer Funktionen der präkolumbischen Kultur. 

Viele Forscher vermuten, dass die Linien für Zeremonien oder Prozessionen genutzt wurden, möglicherweise um Götter oder Naturkräfte wie Regen anzurufen. Einige Linien und Figuren könnten zudem astronomische Funktionen gehabt haben, etwa als Sonnen-, Stern- oder Planetenkalender. Darüber hinaus könnten die Geoglyphen soziale Zusammengehörigkeit symbolisiert oder als Marker für wichtige Wasserquellen und landwirtschaftlich genutzte Gebiete gedient haben. Klassische Archäologen betrachten die Nazca-Linien also als kulturelles Erbe einer hochentwickelten Gesellschaft mit tiefem Wissen über Umwelt, Geometrie und Astronomie. Eindeutige Belege gibt es dafür freilich nicht, weil keine gesicherten Quellen existieren und alle Deutungen notwendigerweise spekulativ bleiben müssen.

Foto: Wikimedia (cc; Diego Delso, delso.photo)

Das gilt auch für die Frage, mit welchen Methoden und Techniken die Nazca-Linien überhaupt hergestellt wurden.

Offenbar wurde die oberste, rötlich-braune Sandschicht der Wüste abgekratzt, sodass die darunter liegende hellere Erdschicht sichtbar wurde. Dadurch entstanden klare, langlebige Kontraste, die über Jahrhunderte hinweg kaum verwitterten. So weit so einfach. Schwerer zu erklären ist die Präzision der Figuren, zumal sie erst aus der Luft vollständig zu erkennen sind. Manche der Tier- und Menschenfiguren erstrecken sich über Hunderte von Metern und die einzelnen Linien sind oft mehrere Meter breit. Archäologen gehen davon aus, dass die Erbauer einfache Werkzeuge wie Seile, Pflöcke und Holzstangen nutzten, um die Linien zu markieren und gerade Strecken zu ziehen. Um die hohe Präzision zu erreichen, arbeiteten die Künstler gemäß der Vorstellung von Archäologen mit maßstabsgetreuen Vorzeichnungen, die sie mit geometrischen Prinzipien wie Raster, Seilspannen und Schrittzählung auf die riesige Fläche übertrugen. Auf diese Weise konnten sie demnach die komplexen Figuren exakt proportional anlegen, ohne jemals eine direkte Luftperspektive gehabt zu haben.

Bildquelle: Wikimedia (cc; User: Cookie)

Wer genau die Erbauer sind, ist allerdings nicht gesichert. 

Die Nazca-Linien werden traditionell der sogenannten Nasca-Kultur zugeschrieben, einer präkolumbischen Gesellschaft, die in der Küstenwüste Südperus lebte. Sie existierte ungefähr von 200 v. Chr. bis 600 n. Chr. und ist für ihre Keramik und Bewässerungssysteme bekannt. Die Nasca-Kultur entwickelte komplexe landwirtschaftliche Techniken wie unterirdische Wasserkanäle (Puquios). Sie war also offenbar in der Lage, große Gemeinschaftsprojekte zu organisieren – Eigenschaften, die den Bau der Geoglyphen auf den ersten Blick plausibel machen.

Dennoch gilt die Nasca-Kultur mangels direkter Quellen nicht mit absoluter Sicherheit als Erbauer der Linien. Die Zuschreibung basiert allein auf Indizien: Datierungen der Linien mit radiometrischen Methoden, Stilvergleiche mit Keramikfunden und die geografische Übereinstimmung mit dem Siedlungsgebiet der Nasca-Kultur.

VIDEO: Die ungelösten Rätsel der Nazca-Linien | Harald Lesch

6:25 Minuten, deutsch

In dieser Reportage werden die neuesten archäologischen Erkenntnisse zu den Nazca-Linien vorgestellt - und zugleich etwas süffisant die These von "Ancient Aliens"-Theoretikern ins Lächerliche gezogen.

2) Warum abseitige Forscher die Nazca-Linien für "Out of Place"-Artefakte halten 

Verblüffend ist nicht nur die Größe und Präzision der Geoglyphen, verblüffend ist auch ihre schiere Anzahl. Archäologische Untersuchungen zählen fast 1000 gerade Linien, die teilweise bis zu 30 Kilometer lang sind, dazu kommen mehrere hundert Figuren wie Dreiecke, Spiralen, Trapeze oder Parallelogramme. Außerdem sind knapp 100 Darstellungen von Tieren und Menschen bekannt, darunter Spinnen, Kolibris, Affen, Wale oder stilisierte menschliche Figuren. Insgesamt beläuft sich die Zahl der bekannten Geoglyphen auf inzwischen über 1500, wobei durch moderne Luftaufnahmen und Drohnen immer wieder neue Linien oder Figuren entdeckt werden. Diese enorme Menge an Linien und Figuren verteilt sich über ein weitläufiges Wüstengebiet und macht die Nazca-Linien zu einem der größten Geoglyphen-Komplexe der Welt.

Hier stellt sich nicht nur die Frage der Herstellungsmethode, sondern auch die Frage der Herstellungsdauer sowie des letztendlichen Zwecks. Archäologen vermuten, dass die Linien in einem Zeitraum von 800 Jahren, nämlich zwischen 200 v. Chr. und 600 n. Chr. entstanden sein könnten. Doch warum sollten sich die Menschen in der Region eine derartige Mühe gemacht haben, über Jahrhunderte solch überdimensionale Kunstwerke und schnurgerade Linien mit bis zu 30km Länge anzulegen, wenn sie diese doch vom Boden aus niemals betrachten konnten?

Foto: Diego Delso, delso.photo (cc)

Wirklich überzeugende Argumente und starke Indizien für eine alternative Urheberschaft können alternative Forscher nicht anbieten. Mitunter wird spekuliert, ob statt der Nasca-Kultur die nahegelegene Paracas-Kultur die Linien angelegt haben könnte. Für Außerirdische oder eine verschollene Hochkultur als Urheber gibt es jedoch keinerlei Hinweise, es sei denn, man mag den von Erich von Däniken im unten verlinkten Video vorgetragenen Messdaten Glauben schenken.

Ansonsten stützen sich Spekulationen dieser Art - ähnlich wie bei anderen archäologischen Funden wie den Pyramiden von Gizeh oder den Mauern von Sacsayhuamán - auf die mangelde Quellenlage sowie auf den Umstand, dass man den Kulturen, denen solch monumentale Anlagen zugeschrieben werden, die entsprechenden technischen Fähigkeiten nicht zutraut.

Unserer Einschätzung nach wirken die Nazca-Linien in dieser Hinsicht weit weniger erstaunlich als die große Pyramide oder die Mauern von Sacsayhuamán. In einem Zeitraum von 800 Jahren mit recht einfachen Mitteln und mathematischen Kenntnissen Linien in die Wüste einzutragen, scheint auf den ersten Blick deutlich einfacher, als in nur 20 bis 30 Jahren eine Pyramide aus 2,3 Millionen tonnenschweren Steinquadern aufzutürmen.

Foto: Wikimedia (cc; Max Berger)

Dennoch sei hier abschließend auf einige Details hingewiesen, die zeigen, warum gewisse Zweifel nicht ganz von der Hand zu weisen sind:

Eine besondere Herausforderung bei der Herstellung der Nazca-Linien war vermutlich die präzise Planung und Maßstabserhaltung über riesige Flächen. Viele Figuren erstrecken sich über mehrere hundert Meter, manche Linien über dutzende Kilometer.

Eine weitere Herausforderung liefert das hügelige und unregelmäßige Gelände. Zwar liegen die Linien überwiegend auf der Pampa, die relativ eben ist, aber selbst kleine Hügel, Senken oder unregelmäßige Bodenformen stellten ein enormes Problem dar. Um eine Linie optisch gerade und proportional zu halten, mussten die Erbauer Höhenunterschiede abschätzen und kompensieren.

Sollte die Nasca-Kultur die Linien erschaffen haben, hätte sie außerdem die Logistik und die Versorgung der Arbeitskräfte meistern müssen, was durch die harte Wüstenumgebung extrem erschwert wurde. Wasser, Nahrung, Werkzeuge und Schutz vor den Temperaturschwankungen mussten über lange Zeiträume bereitgestellt werden.

Insofern halten auch die Nazca-Linien noch einige ungelöste Rätsel bereit. Abschließend haben wir beispielhaft eine alternative Hypothese verlinkt, die Archäologen freilich als pseudowissenschaftlich ablehnen würden.

VIDEO: Erich von Däniken und seine Interpretation der Nasca-Linien

12:11 Minuten, englisch

Der bekannte "Ancient Alien"-Theoretiker Erich von Däniken (1935-2026) behauptet in diesem Video, einige besonders gerade und lange Linien seien außerirdischen Ursprungs, während es sich bei vielen anderen Linien bzw. Figuren nur um vergleichsweise primitive Nachahmungen der einheimischen Bevölkerung handele. Dabei stützt er sich auf Bilder von scheinbar abgeschnittenen Hügeln mit einer landebahnähnlich angelegten Fläche sowie auf elektrische Messungen. Bei eigenen Recherchen konnten wir keine unabhängigen Bestätigungen der Messungen finden, wohl aber eine Bestätigung des Bildes vom "abgetragenen" wirkenden Hügel mit der Struktur, die einer Landebahn gleicht. Diese Struktur wird von Archäologen unter der Bezeichnung "PAP 379" katalogisiert und ist unten noch einmal separat abgebildet:
https://www.researchgate.net/figure/Map-of-site-PAP-379-to-the-south-of-Palpa-with-a-central-trapezoid-and-various-lateral_fig2_228783609

3) Weiterführende Informationen und Buchtipps