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Philosophie & Wissenschaft

Woher wissen wir, was wahr ist? (2/8) 
Ab wann gilt etwas eigentlich als wissenschaftlich bewiesen?


Warum die Kriterien der wissenschaftlichen Beweisführung die Wahrheitsfindung einengen und warum etwas nicht falsch sein muss, nur weil es sich wissenschaftlich nicht nachweisen lässt


Inhaltsübersicht:

  1. Warum wissenschaftliche Beweise und Wahrheit nicht dasselbe sind
  2. Das Kriterium der Objektivität: Jeder muss das Ereignis nachvollziehen können
  3. Das Kriterium der Kontrollierbarkeit: Unerwünschte Einflussfaktoren müssen sicher ausgeschlossen werden
  4. Das Kriterium der Wiederholbarkeit: Nachfolgeexperimente müssen zu identischen Ergebnissen führen
  5. Fazit: Was wissenschaftliche Beweise mit einem Fischernetz zu tun haben
  6. Weiterführende Informationen und Buchtipps

1) Warum wissenschaftliche Beweise und Wahrheit nicht dasselbe sind

Starten wir mit einer womöglich überraschenden, aber im Grunde doch sehr einfachen Erkenntnis: Aus philosophischer Sicht gibt es in den Naturwissenschaften keinen einzigen Beweis für irgendetwas – zumindest nicht im Sinne einer endgültigen Wahrheit. Selbst wenn Wissenschaftler tausend Experimente mit dem gleichen Resultat durchführen, könnten sie doch niemals ganz sicher ausschließen, bei einem späteren Experiment vielleicht doch einmal etwas anderes zu beobachten. Sollten Physiker zum Beispiel tausend Mal gemessen haben, dass die Lichtgeschwindigkeit exakt 299.792,458 Kilometer pro Sekunde beträgt, besteht philosophisch betrachtet noch immer keine vollkommene Gewissheit, beim nächsten Mal den gleichen Wert zu ermitteln. Zugegeben – die Abweichung von einer tausendfach wiederholten Messung wäre sehr ungewöhnlich und erscheint entsprechend unwahrscheinlich, wenn nicht gar unmöglich. Deshalb ist es nicht nur legitim, sondern sogar sehr vernünftig, wenn Wissenschaftler die Gesetzmäßigkeit vermuten, dass es sich bei der Lichtgeschwindigkeit um eine Konstante mit eben jenem Betrag handelt. Dennoch bleibt das strenggenommen nur eine Vermutung – erhärtet und bestätigt durch unzählige Experimente. Genauso verhält es sich auch mit allen anderen naturwissenschaftlichen Annahmen und Theorien. Sie bilden äußerst belastbare, da durch wiederholte Beobachtungen gewonnene Vermutungen. Sie erscheinen wie unumstößliche Wahrheiten, solange sie sich bewähren und zuverlässige Prognosen liefern. Trotzdem sind sie nicht zwingend wahr in einem absoluten Sinne. Denn wie die Geschichte der Wissenschaft zeigt, stoßen wissenschaftliche Theorien mitunter auch an Grenzen. 

Forschungsergebnisse und Modelle, die zuvor als „wahr“ galten, müssen regelmäßig aufgrund neuartiger Erkenntnisse revidiert oder zumindest ergänzt werden. Ein einfaches Beispiel dafür ist die Entwicklung des Atommodells von Dalton über Thomson, Rutherford und Bohr bis hin zum Orbitalmodell. Keines dieser Modelle ist „wahr“ in einem absoluten Sinne. All diese Modelle sind und waren immer nur vorläufige Annäherungen. Sie können jeweils nur so lange als vorläufig bestätigt gelten, bis neue Messdaten auftauchen, die sich im Rahmen des bestehenden Modells nicht mehr erklären lassen.

Karl R. Popper (Wikimedia CC)

Wissenschaftlicher Fortschritt – so formulierte es der Wissenschaftsphilosoph Sir Karl Raimund Popper – wird insofern vor allem dadurch erzielt, dass herrschende Hypothesen, Theorien und Modelle falsifiziert werden, dass also etwas, was einst als „wahr“ galt, widerlegt wird. 

Dies führt nämlich dazu, dass neue, bessere Theorien und Modelle erdacht werden müssen, die eine höhere Erklärungskraft besitzen und bessere Prognosen erlauben – wobei auch diese neuen Theorien und Modelle wiederum nur „vorläufig bestätigtes“, aber kein endgültiges oder „wahres“ Wissen darstellen (siehe Quellennachweise: Popper, Karl).

Dessen ungeachtet wird in Wissenschaftsmagazinen in Internet und Fernsehen sowie in unseren Alltagsgesprächen immer wieder so getan, als handele es sich bei wissenschaftlichen Erkenntnissen um felsenfeste Wahrheiten. Eifrig wird dann verkündet, dieses oder jenes sei „wissenschaftlich bewiesen“, so als sei jeder Zweifel unangebracht. Doch so einfach ist es nicht. Wissenschaftliche Beweise liefern grundsätzlich eine nur behelfsmäßige Erkenntnis auf Zeit. Darüber hinaus sollte man sich fragen, wie Wissenschaftler überhaupt zu einem „wissenschaftlichen Beweis“ gelangen, wie also die Kriterien für einen „wissenschaftlichen Beweis“ definiert sind. Damit dasjenige, was ein Naturwissenschaftler herausfindet, als vorläufig „bewiesen“ gelten kann, sollte seine Forschungsarbeit mindestens die drei folgenden Kriterien erfüllen: Objektivität, Kontrollierbarkeit und Wiederholbarkeit. Für jedes dieser drei Kriterien gibt es sinnvolle Gründe. Zugleich schränkt aber auch jedes dieser Kriterien den Weltzugang eines Wissenschaftlers dramatisch ein. Schauen wir uns das im Folgenden anhand einiger anschaulicher Beispiele an (siehe folgende Abschnitte 2-4).

2) Das Kriterium der Objektivität: Jeder muss das Ereignis nachvollziehen können

Vielfach hört man von Menschen, die eine sogenannte Nahtoderfahrung erleben, beispielsweise infolge eines Unfalls. 

Im Rahmen einer solchen Nahtoderfahrung spüren die Betroffenen, wie sie scheinbar ihrem Körper entschweben. Dann sehen sie ihren regungslosen Körper von oben am Unfallort oder auf dem OP-Tisch liegen. Manchmal empfinden sie daran anschließend einen Sog, der sie in eine andere Welt katapultiert, oft durch einen Tunnel, an dessen Ende ein Licht wartet. Dort treffen sie entweder auf verstorbene Anverwandte oder auf engelhafte „Lichtwesen“. Einige Betroffene erleben eine intensive Lebensrückschau, in der aber nicht etwa berufliche Erfolge und materieller Reichtum, sondern emotionale Beziehungen und moralische Aspekte im Vordergrund stehen. Wieder andere erleben verschiedenste Formen der Bewusstseinserweiterung. Es soll sogar schon blinde Menschen gegeben haben, die während einer Nahtoderfahrung plötzlich sehen konnten (siehe in der Artikelsammlung "Nahtodforschung" im Themenbereich "Bewusstseinsforschung"). Doch was folgt daraus? Kann es aufgrund all dieser Erfahrungsberichte als wissenschaftlich bewiesen gelten, dass uns ein Leben nach dem Tod erwartet?

Nein, aus wissenschaftlicher Sicht kann es das nicht. Und zwar nicht im Geringsten. Warum nicht? Weil es sich bei all diesen Berichten um subjektive Erlebnisse handelt, die objektiv nicht überprüfbar sind. 

Niemand außer den Betroffenen selbst hat diese anderen Welten gesehen und niemand kann darum feststellen, ob das Erlebte der Wahrheit entspricht. Jedes einzelne Nahtoderlebnis wird als persönliche Anekdote erzählt, die sich objektiven Blicken von außen prinzipiell entzieht. Man kann deswegen nie sicher wissen, ob solche Geschichten nicht einfach nur frei erfunden sind oder – so mutmaßen Naturwissenschaftler – Resultat einer Gehirnillusion, vielleicht ausgelöst durch Sauerstoffmangel.

Um von einem wissenschaftlichen „Beweis“ zu sprechen, müsste ein Sachverhalt anders als eine Nahtoderfahrung nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv beobachtbar sein – wie zum Beispiel beim freien Fall eines Gegenstandes: Wenn Sie auf einen Tisch steigen, Ihren Arm ausstrecken und einen Stein aus Ihrer Hand fallen lassen, kann im Prinzip jeder dabei zusehen. Sie könnten den Vorgang sogar filmen und das Video nachträglich anderen Menschen zeigen. Wissenschaftler aus aller Welt könnten das Video in Ruhe auswerten und zum Beispiel die Zeit messen, die der Stein bis zum Auftreffen auf den Boden benötigt. So lässt sich der freie Fall unabhängig von Ihnen selbst – also objektiv – dokumentieren und analysieren. Und das ist eben der Unterschied zum Erlebnis einer Nahtoderfahrung, die niemand außer den Betroffenen selbst nachvollziehen kann.

Was auf der einen Seite einleuchtet, weil es für Transparenz und Nachprüfbarkeit sorgt, stellt auf der anderen Seite eine potenzielle Beschränkung dar. Was wäre nämlich, wenn die Betroffenen einer Nahtoderfahrung weder lügen noch halluzinieren? Was wäre, wenn ihr Erleben zwar nur subjektiv, aber trotzdem authentisch wäre und wenn es folglich wahrhaftig ein vom Körper unabhängiges und unsterbliches Bewusstsein gäbe? Offensichtlich würde dann ein Phänomen, das real wäre, von der Wissenschaft mangels „Objektivität“ nicht anerkannt werden können.  

3) Das Kriterium der Kontrollierbarkeit:  Unerwünschte Einflussfaktoren müssen sicher ausgeschlossen werden

Stellen wir uns vor, andere Menschen würden Ihr Fall-Experiment mit dem Stein nachahmen, dabei aber zu völlig anderen Ergebnissen gelangen. Entweder sind deren Steine länger unterwegs oder sie fallen viel schneller zu Boden. Dann hätten wir plötzlich für ein und dasselbe Experiment verschiedene Messdaten. Woran könnte das liegen?
In dem oben beschriebenen Setting für Ihr Experiment standen Sie auf einem Tisch und streckten den Arm aus. Wenn andere Menschen mit unterschiedlichen Körpergrößen das Gleiche tun, deren Tische zudem höher oder niedriger sind und sie außerdem ihre Arme in verschiedenen Positionen ausstrecken, sind die Ausgangsbedingungen für das Experiment jedes Mal anders. Um objektive Messungen vorzunehmen, die untereinander vergleichbar sind, müssten die Ausgangsbedingungen aber exakt die gleichen sein.

Deshalb ist Kontrollierbarkeit das nächste wichtige Kriterium in der naturwissenschaftlichen Forschungsarbeit. Wissenschaftler müssen dafür sorgen, dass die Ausgangsbedingungen für gleiche Experimente immer identisch sind und dass der zu messende Vorgang von jeglichen störenden Einflussfaktoren abgeschirmt wird. Ein modernes Experiment zum freien Fall würde darum in einem Labor stattfinden, wo Wissenschaftler mit Präzisionsvorrichtungen, einer Vakuumröhre und exakten Apparaturen arbeiten, statt mit ausgestrecktem Arm auf einem Tisch zu stehen.

Wie das Kriterium der Objektivität bringt aber auch das Kriterium der Kontrollierbarkeit eine potenzielle Beschränkung mit sich, die Naturwissenschaftler daran hindert, womöglich wahrhaftige Phänomene als solche zu akzeptieren. Machen wir uns das an einem anderen, eher ungewöhnlichen Beispiel klar: Es soll Menschen geben, die behaupten, Gegenstände allein mit Gedankenkraft bewegen zu können (siehe die Artikelsammlung "Telekinese" im Themenbereich "Rätselhafte Anomalien"). Im Internet kursieren hunderte Videos von Menschen, die angeblich ein sogenanntes PSI-Wheel allein durch mentale Anstrengung andrehen. Beim PSI-Wheel handelt es sich um ein zu einer Art kleines Dach gefaltetes Papier, das man mittig auf eine Nadelspitze auflegt, auf welcher es dann rotieren kann.

Die besagten Internetvideos mögen größtenteils unterhaltsame Fälschungen sein. Aus Neugier und zu Testzwecken haben verschiedene Mitglieder aus unserem Matrixwissen-Team trotzdem den Versuch gewagt, eigene PSI-Wheels zu basteln und sie in mehreren Freizeitexperimenten allein mit Willenskraft zu bewegen. Tatsächlich hatte sich das ein oder andere Rad gelegentlich in ungewöhnlich ruckartiger Weise hin- und her bewegt. Unser Mitglied Frank hat solche seltsamen Bewegungen einmal spontan mit seiner Handykamera aufgezeichnet (siehe nachstehendes Video).

VIDEO: Woher kommen die Drehimpulse?

1:02 Minuten

Frank aus dem Matrixwissen-Team experimentiert mit einem Psi-Wheel und bemüht sich, Luftströme durch Wärmeentwicklung zu vermeiden (Computer aus, Heizung aus, Maske über Mund und Nase zwecks Zurückhaltung seiner Atemluft, Fenster und Türen geschlossen etc.).

Die Frage ist nur: Was beweist dieses Video? 

Zeigt das obige Video wirklich metaphysische „Geisteskräfte“? Oder lassen sich die ruckartigen Bewegungen durch wechselnde Luftströme im Raum erklären, die trotz geschlossenen Türen und Fenstern, ausgeschalteter Heizung, ausgeschaltetem Computer und einer Mund-Nasen-Maske zur Zurückhaltung der Atemluft in irgendeiner natürlichen Weise entstanden waren?

Leider kann man nicht mit absoluter Bestimmtheit sagen, was der Grund für die Drehimpulse in dem Video gewesen sein könnte. Um das sicher herauszufinden, müsste man das Experiment schon unter kontrollierten Bedingungen in einem Labor durchführen, wo man durch entsprechende Vorrichtungen alle physikalischen Einflussfaktoren wie wärmeinduzierte Luftströme oder elektromagnetische Kräfte sicher ausschließen könnte. Nur so ließe sich die Echtheit von Telekinese wissenschaftlich zweifelsfrei nachweisen.

Funktioniert Telekinese unter kontrollierten Bedingungen nicht?

Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) hat ein Preisgeld in Höhe von 10.000€ für Kandidaten ausgeschrieben, die paranormale Fähigkeiten erfolgreich unter Beweis stellen. Was als Beweis gilt, legt die GWUP nach strengen wissenschaftlichen Standards selbst fest. Dabei legt sie größten Wert auf kontrollierte Bedingungen. Man dürfte zum Beispiel kein eigenes PSI-Wheel mitbringen, sondern müsste eines verwenden, das die GWUP bereitstellt. Denn ein eigenes PSI-Wheel könnte ja theoretisch manipuliert sein. Man müsste dieses PSI-Wheel überdies in einen von der GWUP vorgesehenen Glaskasten zum Drehen bringen, den man nicht berühren dürfte. Nur so ließen sich eventuelle Luftströme zuverlässig verhindern.

Unseres Wissens hat bislang noch niemand, der wie unser Mitglied Frank in einem unkontrollierten Freizeitexperiment sein PSI-Wheel zum Drehen gebracht hat, den gleichen Effekt auch unter kontrollierten Bedingungen in einem Labor demonstrieren können. Warum ist das so? Die naheliegendste Antwort lautet natürlich, dass Telekinese blanker Unsinn ist, noch nie funktioniert hat und nie funktionieren wird. Die vermeintlichen Drehungen eines PSI-Wheels sind demnach immer nur die Folge von natürlichen Luftströmen oder anderen natürlichen Kräften. Es gibt aber noch eine zweite mögliche Antwort, die für wissenschaftlich geschulte Leser ziemlich gewöhnungsbedürftig klingen mag: Demnach könnten paranormale Phänomene wie Telekinese vielleicht doch möglich, allerdings kaum unter kontrollierten Bedingungen nachweisbar sein, weil sie nicht immer, sondern nur manchmal funktionieren. Gemäß dieser Deutung folgen paranormale Phänomene keiner mechanistischen, objektiven Kausalität, sondern hängen sehr stark von der subjektiven Befindlichkeit des Experimentators und anderen situativen Einflüssen ab. Allein die Anwesenheit und die skeptischen Blicke der Wissenschaftler, das ungewohnte Setting in einem Labor sowie die Nervosität derjenigen, deren paranormalen Fähigkeiten hier mit Argusaugen getestet werden, könnten demnach eine erfolgreiche Durchführung des Experiments verhindern. So behaupten es jedenfalls viele der Kandidaten, die an solchen wissenschaftlichen Überprüfungen paranormaler Phänomene teilgenommen haben (siehe Quellennachweise: Schlupeck, Bernd).

Telekinese im Beisein von Wissenschaftlern

Ob es sich beim speziellen Einzelbeispiel der Telekinese um einen realen übernatürlichen Vorgang handelt oder nicht, ist für die Überlegungen dieses Artikels aber auch gar nicht von Bedeutung. Wir möchten hier nur anhand eines greifbaren Beispiels zeigen, warum selbst für den Fall, dass Telekinese oder irgendwelche anderen übernatürlichen Phänomene echt wären, diese womöglich trotzdem nicht bewiesen werden könnten, sofern sie unter kontrollierten Bedingungen demonstriert werden müssten, bei denen sich die Versuchspersonen nicht wohl fühlen.

Im Themenbereich "Rätselhafte Anomalien" finden Sie zur Telekinese vertiefende Informationen, darunter auch Fallbeispiele von Menschen, die ihre Experimente sogar im Beisein von Wissenschaftlern erfolgreich vorgeführt haben und deren Fähigkeiten von jenen Wissenschaftlern auch als authentisch eingeschätzt wurden (zum Beispiel bei Nina Kulagina oder Claus Rahn). Als wissenschaftlich „bewiesen“ gilt das Phänomen der Telekinese damit trotzdem nicht, weil diese Experimente zum Teil informell in Privaträumen stattfanden und insofern das Kriterium der Kontrollierbarkeit nicht in ausreichendem Maße erfüllt war. Zudem – und damit sind wir beim nächsten Punkt – müssten solche Experimente, um im wissenschaftlichen Sinne beweiskräftig zu sein, stets mit dem gleichen Ausgang wiederholt werden können. Auch das war hier nicht gegeben.

4) Das Kriterium der Wiederholbarkeit: Nachfolgeexperimente müssen zu identischen Ergebnissen führen

Zu den wenigen Menschen, die Telekinese bereits erfolgreich vor Wissenschaftlern demonstrieren konnten, gehört Claus Rahn aus Bremerhaven. In den 1970er Jahren überzeugte er gleich mehrere renommierte Professoren der Ludwigs-Maximilian-Universität in München, als er Alltagsgegenstände wie zum Beispiel einen Löffel scheinbar nur mit Willenskraft zu bewegen wusste (mehr dazu wie gesagt in unserer Artikelsammlung "Telekinese" im Themenbereich "Rätsehafte Anomalien"). Obschon die Professoren Rahns vermeintliche Fähigkeiten für echt hielten, gelten sie in einem naturwissenschaftlichen Sinne nicht als bewiesen. Warum nicht? Weil man in der Naturwissenschaft erst dann von einem Beweis sprechen kann, wenn kontrollierte Experimente jederzeit mit dem gleichen Resultat wiederholbar sind. Claus Rahn hätte seine Telekinese-Experimente also nicht nur ein oder zwei Mal, sondern beliebig oft vorführen müssen – und zwar an gleich welchem Tag, zu gleich welcher Zeit, an gleich welchem Ort und unter den jeweils gleichen, kontrollierten Laborbedingungen.

Dahinter steckt keine Schikane, sondern ein ganz normales wissenschaftliches Vorgehen. Auch für ein Experiment zum freien Fall wären solche Wiederholungsdurchläufe zwingend erforderlich. Der Grund für dieses Prüfkriterium liegt in der simplen Tatsache, dass es ja immer mal passieren kann, dass ein Wissenschaftler bei seinem Versuchsaufbau etwas übersehen hat. Vielleicht war eine Vorrichtung defekt oder irgendetwas anderes ist schiefgelaufen. Zur Sicherheit sollten Experimente darum mehrmals durchgeführt werden. Am besten ist es sogar, wenn das gleiche Experiment von verschiedenen Wissenschaftlern an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeitpunkten immer wieder aufs Neue durchgeführt wird. Wenn dann jedes Mal das gleiche Messergebnis dabei herauskommt (zum Beispiel eine stets gleiche Fallgeschwindigkeit), dann muss dieses Ergebnis wohl stimmen. Der untersuchte Zusammenhang gilt dann als „wissenschaftlich bewiesen“.

Für Claus Rahn war das aber so nicht machbar. „Ich bin übel dran: Ich kann nicht immer“, soll er zu seiner Verteidigung gesagt haben. Die Frage, ob Rahns telekinetischen Fähigkeiten echt sind oder nicht, konnten somit wissenschaftlich nicht eindeutig geklärt werden. Ob das nun daran liegt, dass Rahn einen Trick benutzte, der bei Wiederholungsversuchen möglicherweise aufgeflogen wäre, oder ob er tatsächlich über paranormale Fähigkeiten verfügt, diese aber nur dann abrufen kann, wenn er gerade in der mentalen Verfassung dazu ist (so wie ein Sportler nur dann Spitzenleistungen liefern kann, wenn er gut in Form ist), können und möchten wir aus der Ferne nicht beurteilen. Es geht an dieser Stelle auch gar nicht darum, herauszufinden, ob Rahns vermeintliche Fähigkeiten echt sind oder ob er die Forscher der LMU an der Nase herumgeführt hat. Anhand dieses anschaulichen Beispiels wollen wir nur darauf hinweisen, dass selbst für den rein hypothetischen Fall, dass übernatürliche Kräfte real wären, mit dem Prüfkriterium der Wiederholbarkeit eine weitere Hürde erklommen werden müsste, ehe solche Phänomene dann auch tatsächlich als „wissenschaftlich bewiesen“ gelten könnten.

Kommen wir diesbezüglich auch nochmal auf das Phänomen der Nahtoderfahrungen zurück. Als subjektives Erleben sind solche Erfahrungen nach allem, was wir bislang über die strenge Methodik der Naturwissenschaft zusammengetragen haben, nicht objektiv überprüfbar. Es sei denn, ein Betroffener wäre in der Lage, im Anschluss an seine Nahtoderfahrung präzise zu beschreiben, was er beim Entschweben aus seinem Körper von oben gesehen und gehört hat (zum Beispiel bezüglich des Geschehens am Unfallort oder im Operationssaal). Würde sich diese Beschreibung exakt mit den Berichten anderer Personen decken, die zum Zeitpunkt des klinischen Todes vor Ort waren (Ärzte, Sanitäter), wäre das ein starker Hinweis darauf, dass die Nahtoderfahrung authentisch gewesen sein muss. Tatsächlich gibt es einige Fälle, in denen genau das angeblich geschehen ist. Als Beispiel haben wir nachstehend ein Video verlinkt, in dem der bekannte US-Chirurg Dr. Lloyd Rudy (1934-2012) über eine besondere Nahtoderfahrung eines Patienten spricht.

VIDEO: Patient beobachtet OP während Nahtoderfahrung

12:45 Minuten, deutsch

Der bekannte US-Chirurg Dr. Lloyd Rudy (1934-2012) spricht über eine besondere Nahtoderfahrung eines Patienten

Jetzt sollte man ja meinen, dass dank der Überprüfbarkeit des Nahtoderlebnisses durch das medizinische Personal eine objektive Bestätigung für dessen Echtheit vorliegt. Dem ist aber im wissenschaftlichen Sinne nicht so.

Einzelfälle wie diese genügen keinen naturwissenschaftlichen Standards und gelten selbst dann nicht als Beweis, wenn die beteiligten Personen seriös und glaubwürdig wirken. Um nämlich betrügerische Absprachen oder zufällig übereinstimmende Fantasievorstellungen sicher und zuverlässig ausschließen zu können, müsste der betreffende Vorgang, wenn wir streng naturwissenschaftliche Maßstäbe anlegen wollen, unter kontrollierten Bedingungen mehrfach wiederholt werden. Es liegt auf der Hand, dass so etwas im Falle einer einzelnen Nahtoderfahrung nicht möglich ist.

5) Fazit: Was wissenschaftliche Beweise mit einem Fischernetz zu tun haben

Wissenschaftliche Beweise haben offenbar nur eine begrenzte Aussagekraft. Denn ein vermeintlicher wissenschaftlicher Beweis bezieht sich einerseits immer nur auf das Physische. Dabei muss der erforschte Gegenstand beziehungsweise Vorgang objektiv über die äußeren Sinne erfahrbar beziehungsweise durch technische Apparaturen messbar sein. Zusätzlich muss das zu Erforschende wiederholt und unter kontrollierten Bedingungen für verschiedene Wissenschaftler in gleicher Weise beobachtbar sein. Was diese Kriterien nicht erfüllt, wird niemals als wissenschaftlich bewiesen gelten, selbst dann nicht, wenn es trotzdem existieren sollte. Alles, was sich jenseits der Physik abspielt oder von dort in unsere physische Welt hineinwirkt, lässt sich – selbst wenn es das geben sollte – naturwissenschaftlich nicht erfassen. Das Metaphysische entzieht sich als nicht-materielle Wirklichkeit den streng definierten Untersuchungsmethoden der Naturwissenschaft.

Insofern ist es kein gültiges Argument, die potenzielle Existenz des Metaphysischen damit abstreiten zu wollen, dass es für geistige Welten keinen wissenschaftlichen Beweis gibt. Umgekehrt gilt: Der Wahrheitsgehalt vermeintlicher wissenschaftlicher Beweise ist begrenzt, da die Wissenschaft nur ein eng abgestecktes Spektrum an Erkenntnismethoden und Untersuchungsgegenständen zulässt (siehe hierzu auch das nachstehende Interview mit dem Quantenphysikers und ehemaligen Direktor des Max-Planck-Instituts Hans-Peter-Dürr). Und selbst in diesem eingeschränkten Geltungsbereich ist ein Beweis niemals „wahr“ in einem endgültigen, absoluten Sinne, sondern immer nur im Sinne einer vorläufig bestätigten Vermutung – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

VIDEO: Prof. Dürr über das Fischernetz als Bild für wissenschaftliche Beweise

6:15 Minuten, deutsch

Hans-Peter Dürr (1929 – 2014) war ein deutscher Physiker, Philosoph und Friedensaktivist. Er war Schüler von Werner Heisenberg und langjähriger Direktor des Max-Planck-Instituts für Physik in München.

6) Weiterführende Informationen und Buchtipps: