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Bewusstseinsforschung

Wo steckt das Bewusstsein (3/5) 
Ist das Gehirn Träger oder nur Überträger von Bewusstsein? - Teil 2


Im Einstig zum vorigen Artikel wurde erwähnt, dass die Neurowissenschaftler mit verschiedenen bildgebenden Verfahren nachweisen können, welche Gehirnareale bei welcher Art von Gedanken, Emotionen und Handlungen aktiv sind. Daraus schließen sie vorschnell, dass solche Gedanken, Emotionen und Handlungsabsichten auch im Gehirn entstehen. Nachdem wir anhand unserer Analogie vom „metaphysischen Computer“ nachvollzogen haben, dass prinzipiell auch eine umgekehrte Verursachung vorliegen könnte (Gedanken, Emotionen und Handlungsabsichten wirken auf das Gehirn), lassen sich verschiedene Effekte, die durch die Neurowissenschaft erforscht wurden und werden, ganz anders interpretieren.


1) Gehirn und Meditation

Neurowissenschaftler haben in Studien nachweisen können, dass sich die Gehirnaktivität beim Meditieren messbar verändert. Üblicherweise sinkt dann die Frequenz der Gehirnwellen. Gehirnwellen können mittels Elektroenzephalografie (EEG) aufgezeichnet werden. Dabei wird die Intensität der elektrischen Felder gemessen, die bei der Aktivität von Nervenzellen (Neuronen) in der Großhirnrinde auftreten. 

Bei normalen Tätigkeiten im Wachbewusstsein bewegen sich unsere Gehirnwellen meist in einem Bereich zwischen 14 und 32 Hertz. Hirnforscher sprechen in diesem Bereich von sogenannten Beta-Wellen. Bei Entspannung und Meditation sinken die Frequenzen typischerweise in den Alpha-Bereich ab, der bis zu 8 Hertz hinunterreicht. Zwischen 4 und 8 Hertz liegen Thetawellen vor, die auf eine noch tiefere Entspannung hinweisen. Die extrem niederfrequenten Deltawellen von unter 4 Hertz lassen sich in der Regel erst im Schlaf nachweisen.

Andere Studien konnten darüber hinaus eine allmähliche plastische Veränderung des Gehirns infolge regelmäßiger Meditationspraxis feststellen. An der Harvard University untersuchten zum Beispiel die Meditationsforscherinnen Britta Hölzel und Sara Lazar die Gehirne von Versuchspersonen, die über mehrere Wochen hinweg Achtsamkeitsmediation praktizierten. In der Folge beobachteten sie unter anderem eine Schrumpfung des Mandelkerns (Amygdala), dem Neurowissenschaftler eine wichtige Funktion in Bezug auf unser Stress- und Angstempfinden zuschreiben. Zugleich verdichte sich graue Substanz, die das Gehirn potenziell leistungsfähiger macht (die entsprechenden Literaturangaben finden Sie am Seitenende).

Aus naturwissenschaftlicher Perspektive ist das Meditieren eine Tätigkeit des Gehirns. Wenn sich dadurch die Gehirnwellen verändern und gewisse Hirnareale schrumpfen und sich andere verdichten, deuten Neurowissenschaftler diesen Vorgang als einen selbstinduzierten Prozess. Das bedeutet, dass das Gehirn sich letztlich selbst umbaut. Dadurch erzeugt es dann veränderte Bewusstseinszustände, die zum Beispiel eine tiefere Entspannung oder eine Reduktion von Angst und Stress bewirken.

Betrachtet man Bewusstsein indessen als eine eigenständige, metaphysische Seinseinheit, lässt sich die Mediation als Vorgang deuten, der vom Bewusstsein ausgeht und im Gehirn nur seinen physischen Ausdruck findet. Wenn das Bewusstsein in der Meditation zur Ruhe kommt, sendet es weniger dichte Informationen an das physische Gehirn und lässt auch weniger Informationen aus der Außenwelt an sich heran. Ablesbar ist das Ganze dann an einem Absinken der Gehirnwellen. Die Ruhe im Bewusstsein überträgt sich auf den Körper. Das ist in etwa so, als würde der Computer in den Ruhemodus gehen, die Informationsaufnahme durch die Tastatur abblocken und beim Monitor auf den Bildschirmschoner umschalten. Die Ruhe im „metaphysischen Computer“ überträgt sich somit auf seine physischen Korrelate.

Wenn regelmäßiges Meditieren zum Umbau bestimmter Hirnareale führen sollte, kann das nach dem Modell des nichtphysischen Bewusstseins natürlich ebenfalls kein selbstinduzierter Vorgang von Materie sein. Die Umstrukturierung des materiellen Gehirns muss man stattdessen wiederum als den physischen Ausdruck einer Bewusstseinsveränderung verstehen.

Hierzu ein einfaches Beispiel: Wenn Sie in Ihrem Inneren fröhlich sind, schlägt sich das äußerlich durch ein Lächeln nieder. Ihre Gesichtszüge sind dann der physische Ausdruck Ihrer inneren Freude. In ähnlicher Weise könnte man sich vorstellen, dass eine durch Meditation erzielte Stressreduktion mit entsprechenden physischen Veränderungen im Gehirn einhergeht. Das ist in etwa so, als würde eine Veränderung der Informationsstruktur im Computer das am Monitor sichtbare Bild verändern. Der „metaphysische Computer“ schickt nun den Befehl, vermehrt helle anstatt dunkle Farben anzuzeigen – so wie ein entspanntes Bewusstsein mehr Zufriedenheit als Stress ausstrahlt. 

2) Der Placebo-Effekt

Beim Placebo-Effekt sorgt der bloße Glaube an Heilung für eine Linderung der Symptome. Ein Medikament, das an sich völlig wirkungslos ist, von dem der Patient jedoch annimmt, es würde helfen, kann demnach zu einer spürbaren Reduktion seiner Beschwerden führen.

Aus einer neurowissenschaftlichen Sicht trickst sich das Gehirn hier selbst aus: 

Zunächst entsteht im Gehirn ein positiver Glaube. Das setzt bestimmte Stoffe frei und Prozesse in Gang. Dadurch kommt es zu körperlichen Reaktionen, die tatsächlich eine medizinische Wirkung zeigen. Nicht das Medikament, sondern das Gehirn bewirkt in diesem Fall die (vorübergehende) Besserung.

Aus der Perspektive eines vom Gehirn unabhängigen Bewusstseins stellt sich der Zusammenhang anders dar. Der Glaube entsteht dann nicht durch Materie im Gehirn, sondern durch Gedanken im Bewusstsein. Die positiven Gedanken finden entsprechenden Ausdruck im Gehirn als physisches Korrelat des Bewusstseins. Das funktioniert wieder so, als würde der metaphysische Computer dem Monitor befehlen, hellere Farben anzuzeigen. Der Impuls für die (vorübergehende) Heilung liegt damit auf der Ebene des Bewusstseins. 

3) Psychoaktive Drogen und Psychopharmaka

Kniffliger wird die Angelegenheit bei Psychopharmaka und Drogen. Bestimmte psychoaktive Substanzen verändern nachweislich unsere Wahrnehmung und unsere Befindlichkeit, weil sie die Biochemie des Gehirns an entscheidenden Stellen verändern. Beispielsweise sorgen sie für eine erhöhte Ausschüttung gewisser Hormone oder blockieren bestimmte Rezeptoren. Koffein macht uns wacher. Dopamin steigert das Glücksempfinden. Effekte wie diese sind wissenschaftlich zweifelsfrei belegt. Die Sache scheint damit klar: Materie erzeugt in diesem Fall bewusste Empfindungen und Emotionen – oder etwa nicht?

Um zu verstehen, wie der Zusammenhang zwischen Substanzeinnahme und Bewusstseinsveränderung mit dem Modell eines nichtphysischen, vom Gehirn unabhängigen Bewusstseins vereinbar wäre, betrachten wir wieder unser Bild vom „metaphysischen Desktop-Computer“ und seinen physischen Korrelaten Monitor und Tastatur:

Wenn Sie Koffein zu sich nehmen, greifen Sie in die Biochemie Ihres Gehirns ein. Dessen gewöhnliche Abläufe werden dadurch verändert. Das ist in etwa so, als würden Sie den Monitor dahingehend manipulieren, dass er eine bestimmte Farbe nicht mehr anzeigen kann. Oder bestimmte Farben würden durch einen entsprechenden technischen Eingriff viel heller und intensiver leuchten. Man könnte sich das auch so vorstellen, dass jemand die Tastatur dahingehend verändert, dass bestimmte Buchstaben nicht mehr gedrückt werden können (hemmende Wirkung). Oder bestimmte Tasten würden so empfindlich eingestellt, dass eine einfache Berührung zu einer mehrfachen Eingabe des entsprechenden Buchstabens führt (aktivierende Wirkung). Beachten Sie dabei bitte Folgendes: In beiden Fällen ist der Computer im Hintergrund nicht die Quelle der Veränderung. Das Bewusstsein als solches wird durch die physischen Drogen oder Medikamente gar nicht unmittelbar berührt!

Was sich ändert, ist zum einen der Informationsfluss von Tastatur zu Computer. Das ist vergleichbar mit den Eindrücken und Wahrnehmungen, die das Gehirn an das Bewusstsein sendet. Je nach Substanz können diese eingetrübt (zum Beispiel bei Alkohol oder Beruhigungsmitteln) oder erweitert beziehungsweise verzerrt sein (diverse psychoaktive Drogen). Unter Umständen werden gewisse Informationen auch gar nicht mehr übermittelt. Denken Sie zum Beispiel an Schmerzmittel. Stellen Sie sich vor, die Taste „S“ auf der Tastatur stünde symbolisch für Schmerzempfinden. Das ist vergleichbar mit einem bestimmten Baustein im Gehirn, der für die Übermittlung von Schmerzempfinden an das Bewusstsein zuständig wäre. Würde die Taste „S“ blockiert, sodass man sie nicht mehr herunterdrücken könnte, würde der Computer keinen Buchstaben „S“ mehr erhalten. In gleicher Weise spüren wir keine Schmerzen mehr, wenn Schmerzmittel die entsprechenden Schmerzreize im Gehirn blockieren.

So wie bestimmte Informationen durch die Manipulation der Tastatur nicht oder nur noch verzerrt an den Computer übermittelt werden, könnten auch Informationen, die der Computer an den Monitor sendet, nicht oder nur verzerrt dargestellt werden, sofern man den Monitor technisch manipuliert. Es kann also auch der Informationsfluss vom Bewusstsein zum Gehirn gefiltert oder geblockt werden, sofern Drogen oder Medikamente die Gehirnchemie manipulieren. 

Das passiert zum Beispiel jedes Mal, wenn zu viel Alkohol im Spiel ist. Ab einem gewissen Alkoholpegel können Betrunkene nicht mehr richtig artikulieren und beginnen zu lallen. Das Bewusstsein möchte etwas sagen, doch der Alkohol stört die „technische“ Sprachfähigkeit. Das ist so, als würden die Textinformationen, die der Computer aussendet, am Monitor nicht mehr richtig dargestellt werden können. Die Buchstaben würden verpixelt, verschwommen oder an der falschen Stelle angezeigt.

Ein anderes Beispiel sind Psychopharmaka. Stellen wir uns vor, jemand verliert einen geliebten Menschen und stürzt in eine tiefe Trauer und Depression. Um diese zu behandeln, verschreibt ein Psychiater Antidepressiva. Diese stabilisieren den Patienten emotional. Er weint nicht mehr ständig, seine Stimmung ist etwas aufgehellt und er hat etwas mehr Antrieb als ohne Antidepressiva. Auch das könnte man mit einer Manipulation des Monitors vergleichen. Während der Computer Informationen sendet, die unter normalen Umständen dunkle Farben generieren, würde eine technische Manipulation des Monitors zu einer künstlichen Aufhellung der dargestellten Farben führen. Die Farbaufhellung findet folglich nicht auf Ebene des Computers, sondern direkt beim Monitor statt. Übertragen auf uns Menschen bedeutet das: Die Heilung geschieht nicht fundamental auf Bewusstseinsebene, sondern nur symptomatisch auf Hirnebene. Für eine tiefere und dauerhafte Heilung müsste schon im Bewusstsein selbst eine Trauerbewältigung und eine Umorientierung stattfinden. Dann könnte langfristig eine normale Lebensführung auch ohne die symptomatische Behandlung durch Antidepressiva zurückgewonnen werden. Bildlich gesprochen müsste also der „metaphysische Computer“ aus sich selbst heraus seinen Informationsgehalt umorganisieren, damit am Monitor auch ohne technische Manipulationen wieder hellere Farben erscheinen können. 



4) Hirnschäden

Ähnlich könnte es sich bei Hirnschädigungen durch Unfall oder Krankheit verhalten. Ein Parkinson-Patient mag auf Bewusstseinsebene die Absicht hegen, sich kontrolliert zu bewegen. Das Bewusstsein sendet entsprechende Aufforderungen an das Gehirn. Dieses ist aber krankheitsbedingt nicht mehr in der Lage, der Aufforderung Folge zu leisten. Das gleicht einer Situation, in der ein Bildschirm wegen eines technischen Defekts kein scharfes Bild mehr erzeugen kann, obwohl der Computer alle Informationen schickt, die es dafür bräuchte.

Bei Alzheimer-Patienten schwinden Erinnerungen. Im schlimmsten Fall vergessen sie ihre eigene Biografie und erkennen selbst ihre engsten Verwandten nicht mehr. 

Vom Gedächtnis haben wir weiter oben behauptet, es befände sich nicht im Gehirn, sondern im Bewusstsein. Die Alzheimer-Erkrankung gleicht darum keiner Beschädigung der Festplatte auf dem Computer, sondern einer Beschädigung am Monitor. Textinformationen, Bilddateien und Videoaufnahmen könnten demnach nicht mehr richtig am Bildschirm widergegeben werden. Auf den Alzheimer-Patienten bezogen bedeutet das: Sein Gehirn kann auf die Daten, die im Bewusstsein gespeichert sind, nicht mehr richtig zugreifen.

Für unser Modell des Gehirns als Sender und Empfänger für ein externes, metaphysisches Bewusstsein gilt also ganz allgemein: Krankheiten und Unfälle, die das Gehirn schädigen, beeinträchtigen niemals das Bewusstsein! Sie schränken nur dessen Wahrnehmungs- und Ausdrucksmöglichkeiten ein, weil aufgrund der Beschädigungen an der Sende- und Empfangseinheit (Gehirn) falsche oder keine Informationen an das Bewusstsein gesendet werden oder weil Informationen, die vom Bewusstsein ausgehen, nicht beziehungsweise nur schlecht empfangen und übersetzt werden.

Erlauben Sie uns an dieser Stelle, auf ein ganz kleines Detail hinzuweisen, das wir später noch tiefergehend analysieren müssen: 

Wenn die Analogie vom Bewusstsein als „metaphysischer Computer“ stimmt und unser Gehirn nur den physischen Korrelaten wie Tastatur und Monitor entspricht, dann ist es doch bemerkenswert, dass sich unser bewusstes Erleben im alltäglichen Wachzustand auf der physischen Ebene (Tastatur und Monitor) abspielt und nicht auf der metaphysischen Ebene (Computer). Der Alzheimer-Patient erlebt ja gerade nicht sein „reines“ Bewusstsein auf der fundamentalen Ebene des „metaphysischen Computers“, sondern seine massive Einschränkung im Physischen. Dass unser Bewusstsein auf einer fundamentalen Ebene von Krankheiten verschont bleibt, ist insofern nur ein schwacher Trost. Im alltäglichen Wachbewusstsein erfahren wir trotzdem spürbares Leid.

Aus irgendeinem Grund scheint es also so zu sein, dass wir in unserem Menschsein nicht unser „eigentliches“ Bewusstsein erfahren, sondern ein „gefiltertes“ Bewusstsein. Unser alltägliches Wachbewusstsein scheint eingeschränkt zu sein durch das, was das Gehirn sendet und empfängt. Der „metaphysische Computer“ erfährt sich sozusagen nicht vollumfänglich selbst. Solange er mit einem physischen Monitor und einer physischen Tastatur verbunden ist, erfährt er die Informationen in der Weise, wie sie in die Tastatur eingegeben und am Monitor ausgegeben werden. Solange wir als Bewusstsein an einen physischen Körper samt Gehirn gebunden sind, erfahren wir die Welt demnach durch die Wahrnehmungsfilter eben dieses Gehirns. Spirituelle Lehren unterscheiden in diesem Zusammenhang gerne zwischen unserem „Ego“ (eingeschränktes, mit dem physischen Körper verwobenes Alltagsbewusstsein) und unserem „höheren Selbst“ (eigentliches, nichtphysisches Bewusstsein). Dafür, wie man das (alternativ-)wissenschaftlich deuten könnte, finden Sie im Themenbereich "Philosophie und Wissenschaft" in den Modellen von Rupert Sheldrake, Burkhard Heim und Thomas Campbell verschiedene Erklärungsansätze.

5) Weiterführende Informationen und Buchtipps