In spirituellen Kreisen und in der esoterischen Literatur wird die Quantenphysik gerne als Beweis dafür herangezogen, dass nicht Materie, sondern eine immaterielle, geistige Energie die ursprüngliche Substanz alles Existierenden sei. Der Messvorgang beim Doppelspaltexperiment zeige weiterhin, dass zur Umwandlung von abstrakter Energie in konkrete Materie eine bewusste Beobachtung vonnöten sei. Hieraus leiten esoterische Autoren dann gerne die Bestätigung für ihre Auffassung ab, wonach wir unsere physische Lebensrealität mit unserem Bewusstsein selbst erschaffen. Des Weiteren werden verschiedenste Bewusstseinsprozesse gerne als „Quanteneffekte“ gedeutet. Manche Autoren und Praktiker scheuen selbst vor Wortneuschöpfungen wie „Quantenheilung“ nicht zurück. Damit scheinen sie vermeintliche medizinische Hilfestellungen in Zusammenhang mit Erkenntnissen aus der Quantenphysik bringen zu wollen. Ob sie es dabei mit der akribischen Forschungsarbeit der Physiker so genau nehmen, sei hier mal dahingestellt. Der ein oder andere Esoteriker will sich damit vielleicht einfach nur in ein (be-)trügerisches Gewandt wissenschaftlicher Autorität kleiden.
Die Quantenphysiker selbst wehren sich jedenfalls gegen eine derartige Vereinnahmung ihrer Forschung. Was Esoteriker schreiben, sei entweder fachlich falsch, grob verzerrt, unzulässig vereinfacht oder aus dem Kontext gerissen. Grundsätzlich sei es auch nicht möglich und zulässig, die Erkenntnisse aus der Quantenwelt (also der Welt der kleinsten Teilchen) einfach so auf unseren menschlichen Körper und unsere makroskopische Erfahrungswelt mit all ihren Alltagsobjekten zu übertragen. In unserer gewöhnlichen Erfahrungswelt kämen die seltsamen Vorgänge, die sich in der Welt der kleinsten Teilchen zeigen, nämlich gar nicht vor. Warum das so ist, habe vor allem mit dem Konzept der Messung zu tun. Ein schwerwiegendes Missverständnis seitens der Esoterik liege darin, Messung mit bewusster Beobachtung gleichzusetzen. Um eine Messung vorzunehmen und materielle Realität zu erschaffen, braucht es aber nach Überzeugung der meisten Quantenphysiker gar kein menschliches Bewusstsein.
Um dieses Argument nachvollziehen zu können, müssen wir uns anschauen, was Quantenphysiker mit dem Begriff „Messung“ eigentlich genau meinen. Wie wird zum Beispiel im Doppelspaltversuch gemessen, welchen Spalt die „Energiewolke“ wählt? Und warum führt diese Messung dazu, dass diese diffuse, wellenartige „Wolke“ zu einem festen und präzise lokalisierbaren Teilchen „kollabiert“?
Was passiert bei der Messung?
Atome und erst recht Elektronen sind so klein, dass man sie unmöglich sehen kann. Wir reden hier von Größenordnungen weit unterhalb eines Millionstel eines Millimeters. So stark können selbst die stärksten Lichtmikroskope nicht vergrößern. Messen bedeutet also keinesfalls „beobachten“. Sind Objekte zu klein, um Sie direkt sehen zu können, bleibt nur die Möglichkeit, sie indirekt aufzuspüren. Dazu müssen die gesuchten Objekte mit irgendetwas in Kontakt geraten, was uns signalisieren kann, dass sich an der entsprechenden Stelle etwas befindet – auch wenn wir das nicht direkt sehen können. Es muss also eine Wechselwirkung zwischen dem gesuchten Objekt und irgendeiner Art von Messapparatur hergestellt werden. Und genau das versuchen die Physiker mit technisch ausgetüftelten Geräten und Verfahren zu erreichen.
Konstruieren wir hierzu im Gedankenexperiment ein stark vereinfachendes Beispiel: Nehmen wir an, Sie wollten in einem luftleeren Raum ein einzelnes Atom aufspüren. Selbst mit den besten Lichtmikroskopen könnten Sie es nicht sehen. Sie könnten aber versuchen, einen eng gebündelten elektromagnetischen Strahl durch den Raum zu schwenken. Sofern Sie am gesuchten Atom vorbeischwenken, passiert natürlich nichts. Sobald der Strahl aber auf das gesuchte Atom trifft, wird er vielleicht reflektiert oder absorbiert. Die Abweichungen würden von einem Computer registriert und Sie könnten die Daten anschließend auslesen. So könnten Sie Rückschlüsse über das Atom ziehen, auch ohne es jemals gesehen zu haben.
Messung bedeutet also im Grunde genommen, einen Kontakt beziehungsweise eine Wechselwirkung herzustellen – sei es mit einem Strahl, einem Kraftfeld oder einem festen Objekt. Auf diese Weise kann die Information, ob und wo sich ein Teilchen aufhält, verfügbar gemacht werden.
So ähnlich muss man sich das auch beim Doppelspaltexperiment vorstellen: Die Messung am Doppelspalt funktioniert mittels Wechselwirkung: Die wellenartige „Wolke“ trifft auf eine Messapparatur. Im Moment dieses Kontakts „kollabiert“ die Welle zum Teilchen. Somit liegt nun eine Information über den konkreten Aufenthaltsort des Teilchens vor und es ließe sich klar sagen, welchen der beiden Spalte das Teilchen als Weg gewählt hat. Dabei spielt es nach Überzeugung der meisten Quantenphysiker überhaupt gar keine Rolle, ob diese Information am Ende von einem bewussten Beobachter ausgelesen wird oder nicht. Entscheidend für den Kollaps der „Wellenwolke“ sei allein, dass eine Wechselwirkung stattfindet.
Messung erfordert kein Bewusstsein
Nach dieser Argumentation kann also das, was Quantenphysiker als „Messung“ bezeichnen, auch ohne jegliches Beisein und bewusstes Beobachten von Menschen erfolgen. Und das passiert laut Quantenphysikern auch permanent. Da in unserer makroskopischen Alltagswelt alle Materie ständig mit anderer Materie in Kontakt kommt, finden ja permanent Wechselwirkungen, also sozusagen „Messungen“ statt. Nichts auf unserer Erde ist völlig abgeschirmt und isoliert von seiner Umwelt. Licht, Elektronen, Atome und Moleküle befinden sich auf diesem Planeten in ständiger Wechselwirkung. Folglich ist die räumliche Diffusität immaterieller „Energiewolken“ mit Wellencharakter in unserer Alltagswelt gar nicht erfahrbar.
Im Doppelspaltexperiment hingegen werden Elektronen, Atome und Moleküle durch ein Vakuum von jeglichen Kontakten mit der Außenwelt abgeschirmt. Würde sich um den Doppelspalt herum Luft ausbreiten, käme es früher oder später zur Wechselwirkung zwischen den Quantenobjekten und den Molekülen in der Luft. Dieser Kontakt würde zum Wellenkollaps führen. Die Quantenobjekte würden sich dann als Teilchen manifestieren und folglich auch kein Interferenzmuster an die Projektionsfläche zaubern.
Nach dieser Interpretation des Messvorgangs existiert Materie darum auch dann, wenn niemand hinsieht. Die in spirituellen Kreisen weitverbreitete Idee, wonach Materie sich nur durch bewusstes Beobachten manifestieren könne, halten die meisten Quantenphysiker für Unsinn. Nur eine Handvoll Wissenschaftler vertritt in dieser Angelegenheit einen differenzierteren Standpunkt. Entsprechende Studien, die dem Bewusstsein eine durchaus entscheidendere Rolle beim Wellenkollaps zusprechen, finden Sie im Themenbereich Bewusstseinsforschung und dort im Artikel zu den Experimenten von Dr. Dean Radin "
Studien zur mentalen Beeinflussung von Zufallsprozessen."