Themenbereich
Religion, Mythologie und Spiritualität

Die gemeinsame Metaphysik alter Mythen (2/4)
Die Erschaffung des Menschen, die große Flutkatastrophe und das Jenseits


Von planvoller Schöpfung, einer weltweiten Katastrophenerzählung und dem Leben nach dem Tod


1) Die (verspätete) Erschaffung des Menschen

Im Zuge der Ausdifferenzierung des All-Einen wurde zu einem gegebenen Zeitpunkt auch der Mensch erschaffen. Sämtliche Mythologien fassen den Menschen als eine Kreatur höherer, geistiger Mächte auf. Manchmal wurde dazu bereits zuvor erschaffene Materie verwendet (Erde, Lehm, Holz), manchmal genügte es, wenn die Götter ihre Absicht, einen Menschen zu erschaffen, bloß aussprachen.

Stets wurde der Mensch mit einem Geist beziehungsweise einer Seele ausgestattet, die nicht nur einen freien Willen, sondern auch eine Anbindung an das Metaphysische mit sich bringt. In keiner einzigen Mythologie wird der Mensch als rein materielles Zufallsprodukt betrachtet, dessen Gehirn die Vorstellung einer Seele samt freiem Willen bloß als Illusion erzeugt.

Interessanterweise tritt der Mensch in fast allen Schöpfungsgeschichten erst mit Verspätung auf den Plan und nicht gleich von Anfang an. Oft braucht es sogar mehrere Versuche, bis den Göttern die Erschaffung des Menschen zu ihrer Zufriedenheit gelingt. Manchmal schicken die Götter eine große Flut, um die ursprüngliche, sündige Menschheit wieder auszulöschen und einen Neuanfang zu ermöglichen, so zum Beispiel bei den Sumerern, bei den Ägyptern, bei den Griechen, bei den Inka, bei den Maya, in der indischen Mythologie, bei den alten Chinesen und bei einigen Indianerstämmen Nordamerikas. Bekanntlich berichten auch das Alte Testament und der Koran von einer „reinigenden“ Sintflut. Auch bei den Zoroastriern und verschiedenen anderen Indianerstämmen Nord- und Lateinamerikas begegnen wir Erzählungen von einer großen Flut, wobei diese nicht immer in Verbindung mit einer (Neu-)Erschaffung der gesamten Menschheit stehen, sondern aus vielfältigen anderen Motiven hergeleitet werden – etwa der Reduzierung von Überbevölkerung oder der Vernichtung bösartiger Kreaturen.

2) Was hat es mit der Sintflut auf sich?

Während man im eurasischen Raum eine Vermischung und Weitergabe von Flut-Legenden über die Grenzen verschiedener Kulturkreise hinweg noch für wahrscheinlich halten könnte, scheint die Verbreitung des Sintflutmythos ins präkolumbianische Amerika kaum nachvollziehbar. Denn die eurasischen und amerikanischen Kulturen standen bis vor wenigen Jahrhunderten gar nicht zueinander in Kontakt. Trotzdem erzählen sie die gleiche Geschichte. Das wirft die Frage auf, wie man das deuten soll. Ist die Sache mit der Sintflut vielleicht nur symbolisch gemeint? Ist sie nur eine Metapher dafür, dass die Schöpfung in mehreren Anläufen erfolgte? Doch warum wählten dann so viele Mythologien ausgerechnet eine große Flut als Symbol? Warum nicht ein verheerendes Feuer, vernichtende Stürme oder ein zerstörerisches Erdbeben?

Vielleicht gibt es ja einen handfesten historischen Hintergrund. Die einfachste Erklärung würde lauten, dass all diese Völker im Laufe ihrer langen Geschichte irgendwann einmal unabhängig voneinander von verschiedenen Überschwemmungen und Hochwasserereignissen heimgesucht wurden und sie ihre traumatisierenden Erfahrungen in ihren jeweiligen Mythologien verarbeiteten.

Auch hier stellt sich dann aber die Frage, warum so viele Kulturen ausgerechnet ein Flutereignis verarbeiteten, wohingegen Stürme, Feuer, Erdbeben oder andere Naturkatstrophen keinen derart verbreiteten Eingang in die Schöpfungsgeschichten fanden. Das nährt Spekulationen, wonach es vor vielen Jahrtausenden vielleicht eine globale Flutkatastrophe gegeben haben könnte, der beinahe die gesamte Menschheit zum Opfer fiel und die sich darum in den Mythologien sämtlicher überlebender Völker niederschlug, die ansonsten keine historischen Berührungspunkte hatten.

Daran schließen sich weitere Spekulationen an, wonach bereits vor dieser Apokalypse historische Zivilisationen existiert haben könnten, die dann aber durch die große Flut vernichtet wurden – die Atlantis-Sage lässt grüßen.

Der angeblich versunkene Kontinent Atlantis wurde zuerst vom griechischen Philosophen Platon erwähnt. In seinen Werken Timaios und Kritias beschriebt er Atlantis als hoch entwickelte Zivilisation auf einer großen Insel im Atlantik. Später wurde die Theorie, dass dieses Atlantis tatsächlich existierte und ein Meteoriteneinschlag berghohe Flutwellen auslöste, die dann Atlantis vernichteten, am prominentesten vom österreichischen Geologen-Paar Alexander und Edith Tollmann vertreten.

Was ist dran an diesen Spekulationen? Fakt ist, dass es rund um den Erdball archäologische Funde gibt, die Rätsel aufgeben. Manche davon befinden sich unter dem Meer, wie zum Beispiel das „Yonaguni-Monument” vor der Küste Japans oder die Ostseeanomalie zwischen Finnland und Schweden. Beide Strukturen wirken wegen ihrer präzisen Formen, glatten Flächen und geraden Kanten künstlich angelegt. Während die „klassische“ Archäologie sie dennoch als natürliche Gebilde betrachtet, deuten abseitige Forscher Funde wie diese als Zeugnisse einer versunkenen Hochkultur. Das Gleiche behaupten diese Forscher auch von gewissen Bauwerken an Land, allen voran von der Cheops-Pyramide, von der bis heute niemand weiß, wie genau sie errichtet wurde.

Nach gängiger Schulbuchmeinung sollen Heerscharen ägyptischer Arbeiter um das Jahr 2600 v.Chr. die weit über 2 Millionen Steinblöcke mit einem jeweiligen Durchschnittsgewicht von etwa 2,5 Tonnen in nur 20 Jahren Bauzeit mithilfe einfacher Werkzeuge in nahezu perfekter Symmetrie aufeinandergetürmt haben.

Zudem sollen sie im Inneren der Pyramide mehrere schnurgerade Schächte und unterschiedlich große Kammern eingearbeitet haben.

Viele namhafte Experten, darunter Architekten, Ingenieure, Steinmetze, Geologen und Baustatiker, halten diese Leistung allerdings für ein Ding der Unmöglichkeit – so zum Beispiel Pier Luigi Copat, Architekt des Potsdamer Platzes in Berlin, Chris Wise, Bauingenieur der Millennium Bridge in London, Éric Gonthier, Geologe und Mineraloge am Musée de l'Homme in Paris, Prof. Joseph Davidovids, Chemiker mit Schwerpunk Geopolymere, sowie Jean-Pierre Martin, Projektleiter des Millau-Viadukts, der höchsten Brücke Frankreichs und der längsten Schrägseilbrücke der Welt. 

Letzterer äußerte sich in einem Interview zum Bau der großen Pyramide wie folgt:

„Entweder man glaubt an Gott oder Aliens, dann kann man sich alles vorstellen. Oder man hält sich an die irdische Vorstellung, dass hier Menschen gebaut haben. Wie sie das geschafft haben? Keine Ahnung. Ich könnte es jedenfalls nicht bauen."

Diese Äußerung tätigte Jean-Pierre Martin im Dokumentarfilm „Das Geheimnis der Pyramiden” des Regisseurs Patrice Pooyard aus dem Jahr 2010 ab Minute 12:00.

VIDEO: Das Geheimnis der Pyramiden (Patrice Pooyard)

121 Minuten, deutsch

Dieser Dokumentarfilm beleuchtet die außergewöhnlichen Merkmale der großen Pyramide und stellt sie auch in den Kontext anderer monumentaler Bauwerke des Altertums. Der Bericht wirkt zwar in seiner Aufmachung sehr sensationsheischend und tendenziös, ist aber dennoch zumindest in den ersten 80 Minuten stark faktenbasiert und lässt eine Reihe teils hochkarätiger Experten zu Wort kommen. Ab Minute 81 nimmt der Film dann eine spekulative Wendung, weil ab hier die bis dahin präsentierten Fakten interpretiert werden. Die Autoren des Films gehen von der "Lost-Zivilisation-Hypothese" aus, nehmen also an, dass eine verschollene Hochkultur der wahre Erbauer der Pyramiden ist. Dies lässt sich natürlich nicht beweisen und stellt nur eine von mehreren möglichen Deutungen der Fakten dar. Mehr dazu erfahren Sie auf der vorigen Artikelseite.

Anmerkung: Anfang 2023 wurde der volle Film auf Youtube gelöscht, sodass Sie hier nur noch einen kleinen Ausschnitt sehen können. Das ganze Video können Sie aber auf anderen, anonymen Portalen schauen (von denen wir uns ansonsten inhaltlich distanzieren wollen, weil hier auch viel Ungeprüftes und Unseriöses gepostet wird):
 https://gloria.tv/post/8VmXAVdNFWYY4iEbxkEuYMdQ2#105

Alternativ können Sie den Film auch auf DVD beziehen, z.B. hier: https://www.amazon.de/Das-Geheimnis-Pyramiden-2-DVDs/

Was die Zweifel technisch versierter Experten untermauert, sind abgesehen von der kurzen Bauzeit sowie der Menge beziehungsweise dem Gewicht der zu verarbeitenden Steinblöcke einige erstaunliche Konstruktionseigenschaften der Cheops-Pyramide, die ohne die Anwendung moderner Technologie kaum zu realisieren sind:

- Die Pyramide ist nahezu perfekt in Nord-Süd-Richtung ausgerichtet. 
- Die Königskammer im Inneren der Pyramide ist perfekt ausgelotet und weist maximale Abweichungen nur im Millimeter-Bereich auf.
- Die vier Außenflächen der Pyramide sind in der Mitte symmetrisch leicht abgewinkelt, sodass sich insgesamt 8 gleichmäßige Flächen ergeben. Genau zweimal im Jahr, nämlich zur Tag-und-Nacht-Gleiche (Äquinoktium) im Frühjahr und Herbst, ergibt sich hierdurch für einige Sekunden ein charakteristisches Schattenspiel, das erst durch Luftaufnahmen sichtbar gemacht werden konnte.

Demnach hätten die alten Ägypter präziser bauen müssen, als sie mit damaligen Mitteln überhaupt messen konnten. – Aber was hat das alles mit der Sintflut zu tun? Nun, sollte der Bau der großen Pyramide tatsächlich nur mithilfe fortschrittlicher Technologie möglich gewesen sein, dann hätte es hierfür Baumeister bedurft, die deutlich weiter entwickelt waren als die alten Ägypter. Entweder müssen außerirdische Besucher Unterstützung geleistet haben, wie es die Vertreter der „Prä-Astronautik“ behaupten, ohne das aber beweisen zu können. Oder die Pyramiden waren schon lange vor den Ägyptern errichtet worden, nämlich von einer unbekannten, technologisch hochpotenten Zivilisation, die dann aber durch eine globale Flutkatastrophe vernichtet wurde und außer den Pyramiden sowie einigen anderen mysteriösen Bauwerken keine Spuren hinterließ. So lautet jedenfalls die „Lost Civilization“-Hypothese, für die es aber ebenfalls keinerlei Beweise gibt. Die Frage, was es mit der Sintflut auf sich hat, muss darum ebenso offenbleiben wie die Frage, wie die Pyramiden errichtet wurden.

Mehr zu den Pyramiden und weiteren archäologichen Rätseln erfahren Sie in unserer Artikelsammlung "Rätselhafte Funde und Bauwerke" im Themenbereich "Rätselhafte Anomalien".

3) Das Leben nach dem Tod

Alle Mythologien der Menschheitsgeschichte gehen von einem Leben nach dem Tod aus. Das jenseitige Weiterleben kann allerdings je nach Erzählung ganz unterschiedlich aussehen. 

Manche Kulturen (wie zum Beispiel die alten Ägypter) glaubten an himmelsähnliche oder höllenähnliche Aufenthalte – verbunden mit der Annahme, dass unser diesseitiges Leben auf der Erde einen entscheidenden Einfluss darauf hat, welche dieser beiden Möglichkeiten eintritt. In anderen Kulturen (zum Beispiel bei den Griechen oder den Sumerern) gibt es keine Option zwischen zwei Pfaden, sondern nur den gemeinsamen Gang aller Verstorbenen in ein und dieselbe, zwar nicht höllenartige, aber doch düstere Unterwelt – egal, wie man sich im Erdenleben verhalten hat. Nur ganz selten finden wir in den Mythologien das Motiv der Reinkarnation.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:ALB_-_Neolithische_Grabbeigaben.jpg

Die Überzeugung, dass das Leben nach unserem physischen Tod weitergeht, scheint sogar noch älter zu sein als die ältesten überlieferten Mythologien: 

Steinzeitmenschen, deren Skelette Archäologen nach zehntausenden von Jahren freilegen, verraten durch ihre wertvollen Grabbeigaben, dass wohl auch unsere prähistorischen Vorfahren an ein Leben nach dem Tod glaubten. 

Das Überleben des Todes setzt nicht nur eine Seele beziehungsweise einen Geist voraus, der das Absterben des physischen Körpers unbeschadet übersteht. Es bedarf auch eines geistigen „Aufenthaltsbereichs“, in dem sich die Seele beziehungsweise der Geist eines Verstorbenen nach dem Tod aufhalten kann. Neben den üblichen Motiven eines freudvollen „Himmels“ oder einer dunklen Unterwelt hegten manche Kulturen die Vorstellung eines vielgestaltigen „Weltenbaums“ als Symbol für verschiedene Daseinsbereiche.

Der Weltenbaum „Yggdrasil“ der Germanen besteht zum Beispiel aus drei Ebenen: Oberwelt, Mittelwelt und Unterwelt. Diese sind wiederum in verschiedene Teilwelten gegliedert, die je unterschiedliche Wesen beherbergen, seien es Gottheiten und Elfen in der dreigliedrigen Oberwelt, Menschen und Riesen in der viergliedrigen Mittelwelt oder Zwerge und Verstorbene in der dreigliedrigen Unterwelt.

Einen Weltenbaum mit drei Ebenen nahmen auch die Maya an: „Wacah Chan“ wurzelt in einer neunschichtigen Unterwelt, beherbergt in der Mitte den Lebensraum der Menschen und in der Baumkrone einen vielschichtigen Himmel. Auch die Inka unterschieden zwischen einer Unterwelt (Ukhu Pacha), einer irdischen Welt (Kay Pacha) und einer Oberwelt (Hanaq Pacha). Ebenso taten es die Azteken, die wie die Maya eine neunschichtige Unterwelt und eine vielschichtige Oberwelt annahmen, in der verschiedene übernatürliche Wesen lebten.

Wenn hinter Erzählungen wie diesen ein wahrer Kern steckt, dann ist die geistige Welt, die uns nach dem Tod erwartet, vielgestaltig - und folglich würden wir auch im Falle des Todes nicht das ganze Dasein zur Gänze überblicken. Welche weiteren Anhaltspunkte man aus den verschiedenen Mythologien - sofern man die häufig geteilten Grundmuster ihrer Erzählungen denn ernst nehmen mag - ableiten könnte, erfahren Sie auf der nächsten Artikelseite. 

4) Weiterführende Informationen und Buchtipps