Themenbereich
Religion, Mythologie und Spiritualität

Die gemeinsame Metaphysik alter Mythen (3/4)
Starke Parallelen und eine abschließende Beurteilung


Worin sich Mythologien aus aller Welt ähneln und welches Erkenntnispotential sie für die Suche nach tieferer Wahrheit bieten


1) Der gemeinsame Kern hinter allen Mythologien

Mythologische Erzählungen aus der Vergangenheit mögen in derart fantasiereicher Weise ausgemalt worden sein, dass sie mehr menschliche Dichtung als metaphysische Wahrheit transportieren. Dennoch stoßen wir im Kern der unterschiedlichsten Schöpfungsberichte immer wieder auf gleichartige Erklärungsmuster und philosophische Grundüberzeugungen:

> Keine einzige Kultur in der Menschheitsgeschichte ging von einer zufälligen Schöpfung aus. Alle Mythologien unterstellen einen bewussten Schöpfungsakt. In den meisten Mythologien entsteht die Welt durch Differenzierung aus einem ungeteilten Ur-Potential.

> Keine einzige Kultur in der Menschheitsgeschichte begriff den Menschen als evolutionäres Zufallsprodukt. Alle Mythologien unterstellen eine planvolle Erschaffung des Menschen.

> Keine einzige Kultur in der Menschheitsgeschichte betrachtete Materie als alleinige Basis allen Daseins. Alle Mythologien unterstellen die Existenz von Geist, von übernatürlichen Wesen und von einer oder mehreren nichtphysischen Welten.

> Keine einzige Kultur in der Menschheitsgeschichte hielt den physischen Tod für das Ende unserer bewussten Existenz. Alle Mythologien unterstellen ein wie auch immer geartetes Weiterleben nach dem Tod.

In diesen Kernüberzeugungen gleichen die alten Mythologien sämtlichen großen Weltreligionen und unterstreichen die menschheitshistorische Sonderstellung unserer westlichen, aufgeklärten, materialistisch-naturwissenschaftlichen Denkweise.:

Wir sind historisch und weltweit die einzige Gesellschaft, in der ein Großteil der Bevölkerung das Konzept eines von Materie unabhängigen und unsterblichen Geistes als ein irreales Fantasieprodukt des physischen Gehirns abtut und das Universum als einen bloß zufällig entstandenen, kalten, seelenlosen und sinnlosen Ort betrachtet. Dadurch haben wir unsere Welt im wahrsten Sinne des Wortes „entzaubert“ (siehe hierzu die auch berühmte und treffende Analyse des Soziologen Max Weber vom Beginn des 20. Jahrhunderts).

Das wäre ja nicht weiter schlimm, wenn diese Sichtweise zumindest stimmen würde – auch wenn es psychologisch schmerzvoll sein mag, sich selbst als sinnloses und nur zufällig entstandenes, sterbliches Materiekonglomerat zu begreifen. Sehr wahrscheinlich ist die materialistische Sicht auf die Welt und den Menschen aber reduktionistisch (siehe hierzu die entsprechenden Indizien aus dem Themenbereich "Bewusstseinsforschung"): Wer behauptet, es existiere nur das, was naturwissenschaftlich bewiesen werden kann, wohingegen alles, was sich durch objektive Messung unter kontrollierten Bedingungen nicht nachweisen lässt, bloße Illusion sei, der schneidet sich selbst von tieferer Erkenntnis ab.

Objektive Wissenschaft spielt sich halt nur auf der Ebene des Physischen, also der „Schattenwelt“ (Platon), der Welt als „Vorstellung“ (Schopenhauer), der Raumzeit-Dimensionen „X1 bis X4“ (Heim) oder der „PMR-Simulation“ (Campbell) ab. Metaphysische Wahrheit vermag die Naturwissenschaft nicht zu ermitteln (siehe hierzu unsere Artikelseite "Grenzen der Wissenschaft aus philosophischer Sicht" im Themenbereich "Philosophie und Wissenschaft"). Darum ist es legitim, auch andere Weltzugänge in den Blick zu nehmen - etwa mythologische oder religiöse Erzählungen, die sich - möglicherweise - aus intuitiven bzw. medialen und damit aus verschiedenen subjektiven Informations- bzw. Inspirationsquellen speisen.

2) Wie viel Wahrheit steckt im Mythos? Fazit und Ausblick

Dass sich metaphysische Wahrheit in den impliziten Grundüberzeugungen der großen Weltreligionen und alten Mythologien widerspiegeln könnte, ist eine legitime Ausgangsvermutung, die als Motivation für die in dieser Artikelsammlung (Mythologien) und in der vorigen Artikelsammlung (Religionen) angestellten vergleichenden Analyse dient. Das Problem ist nur: Weil der Ursprung der religiösen und erst recht der mythologischen Erzählungen so weit zurückliegt und ihr jeweiliger Entstehungskontext folglich nicht transparent nachvollziehbar ist, bleiben Restzweifel, ob und in welchem Maße die vermeintlichen Seher, Schamanen, Priester und Propheten hier tatsächlich wahres Wissen intuitiv abgegriffen haben oder nicht. Außerdem lässt sich mangels zuverlässiger Quellen unmöglich rekonstruieren, inwieweit ursprüngliche Versionen im Laufe der Zeit entstellt und verfälscht wurden.

Insofern könnte es hilfreich sein, ergänzend auch zeitgenössische Channelings zu untersuchen. Bei ihnen ist der Entstehungskontext klar, transparent und überprüfbar. Wir können stets sicher sein, welche Autoren die möglicherweise metaphysisch übermittelten Botschaften in Buchform verbreitet haben. Alle Texte liegen im unveränderten Original vor. Manche Autoren leben sogar noch, sodass man sich ein aussagekräftiges Bild ihrer Integrität machen kann. Wer keine Gelegenheit findet, die Autoren persönlich kennenzulernen, kann alternativ Interviews und – sofern vorhanden – Film- oder Tonaufnahmen studieren, die den mutmaßlichen Channelingvorgang dokumentieren. Selbst zu denjenigen Autoren, die in den letzten Jahrzehnten bereits verstorben sind, gibt es biografisches Material in Hülle und Fülle, was eine Einschätzung darüber erlaubt, ob es sich bei ihnen um glaubwürdige „Medien“ (früher hätte man sie „Seher“ oder „Propheten“ genannt) oder doch nur um Scharlatane handelt. Als weitere Überprüfungsmöglichkeit bietet sich die kritische Textanalyse an. Die Kriterien, die es dabei zu beachten gilt, werden ausführlich auf der Artikelseite "Channeling - Einbildung  oder Realität?" vorgestellt und anhand verschiedener Textauszüge auch beispielhaft angewandt.

Anzunehmen, dass zeitgenössische Channelings einen uneingeschränkten Zugang zu metaphysischer Wahrheit erlauben, wäre dennoch ein Irrglaube. Denn selbst dann, wenn die betreffenden Medien integer und die telepathischen Informationsflüsse echt sein sollten, könnten wir doch niemals sicher sein, ob der empfangene Inhalt auch der Wahrheit entspricht. Für diese Unsicherheit gibt es mehrere Gründe (siehe ausführlich auf besagter Artikelseite "Channeling - Einbildung oder Realität?" ):

Eine erste potenzielle Fehlerquelle liegt aufseiten des vermeintlichen metaphysischen Absenders. Selbst ein Geistwesen weiß vielleicht nicht alles und könnte schlimmstenfalls sogar absichtlich täuschen (dann wäre es ein „dämonisches“ Wesen). Eine zweite Fehlerquelle liegt beim Medium, sofern es die Botschaften bewusst oder unbewusst filtert und entsprechend verzerrt wiedergibt. Als dritte mögliche Fehlerquelle kommt die „Verbindung“ zwischen Sender und Empfänger infrage. Sollte sie instabil sein, so wie das im Physischen beispielsweise bei gestörten Funkübertragungen vorkommt, dann werden Botschaften nicht verständlich empfangen und das Medium muss die Lücken durch eigene Interpretation auffüllen. Auch die zeitgenössischen Channelings ermöglichen insofern nicht mehr als eine weitere Annäherung.

Wenn Sie das alles neugierig macht und Sie mehr über das Thema "zeitgenössisches Channeling" erfahren wollen, schauen Sie gerne in unserer Artikelsammlung "Informationsübertragung aus höheren Dimensionen: Illusion oder Wirklichkeit?" vorbei.

3) Weiterführende Informationen und Buchtipps

  • Niessen, Frank: Spiritualität für Kopfmenschen. Eine Sinnsuche für Skeptiker, Band 2: Wie man mit Logik zum Sinn des Lebens vorstoßen kann, Hamburg 2024. Die Buchreihe "Spiritualität für Kopfmenschen" ist eine Eigenveröffentlichung von Matrixwissen und enthält viele unserer Online-Artikel aufeinander aufbauend und in ausführlicherer Form: https://frank-niessen.com/sinnsuche/
  • Weber, Max: Wissenschaft als Beruf. In: Weber, Max (Autor); Kaesler Dirk (Hrsg.): Schriften 1894–1922, Stuttgart 2002 (1919), insb. S. 488, https://www.kroener-verlag.de/books/schriften-1894-1922.html