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Philosophie & Wissenschaft

Geist über Materie? (2/4) 
Platons Ideenlehre und die Idee des Guten


Was Platons Idealismus ausmacht und welche Indizien ihn stützen


1) Der Ausgangs- und Zielpunkt allen Seins: Platons Idee des Guten

Der antike Philosoph Platon (428/427 v.Chr. bis 348/347 v.Chr.) wird gemeinhin als „Urvater“ des Idealismus bezeichnet. 

Einige Platon-Experten hegen allerdings Zweifel an dieser Klassifizierung und mutmaßen, Platon sei womöglich eher ein Dualist gewesen. Ein Dualist ist jemand, der nicht Geist statt Materie als fundamentale Substanz annimmt, sondern beiden unabhängig voneinander eine Urexistenz zuspricht. Auch das lässt sich für Platon aber nicht mit Sicherheit behaupten, weil er die Frage nach der Entstehung der Materie letztlich nicht eindeutig und abschließend beantwortet hat.

Für die folgenden Überlegungen ist das aber gar nicht so entscheidend. Selbst wenn Materie als Urmaterie immer schon da gewesen und der Geist sie nicht erst erschaffen haben sollte, erschließt sich aus Platons Werk sehr klar, welche der beiden Substanzen die dominante ist – nämlich der Geist. Laut Platon formt der Geist die Materie zu dem, was sie ist. Das gesamte sichtbare Universum ist sein Werk. Mehr noch: Geist strukturiert Materie nicht bloß, er belebt (beseelt) sie auch. Ganz im Gegensatz zur materialistischen Auffassung der modernen Biologie gäbe es also ohne Geist gar kein Leben!

Platon charakterisiert und benennt diesen schöpferischen und Leben spendenden Ur-Geist als „das Gute“. Dieses vollkommene „Gute“ könne intellektuell aber unmöglich erfasst und beschrieben werden. Um sich dem Guten zu nähern, bedürfe es vielmehr einer ethisch-moralischen oder gar spirituellen Anstrengung, in deren Verlauf die egoistische Selbstbezogenheit überwunden werden müsse. Die Möglichkeit dazu sei uns Menschen deshalb gegeben, weil wir als Geschöpfe des Guten das Gute selbst in uns tragen.

Das Gute ist für Platon zugleich Wirkursache und Zweckursache unseres Daseins. Es ist also nicht nur Schöpfer unseres Universums, sondern stellt auch den Zielpunkt allen Strebens dar: Der Sinn unseres Daseins liegt demnach darin, das Gute in uns und der gesamten Schöpfung zu erkennen und zu entfalten. Dazu genügt wie gesagt kein intellektuelles Wissen. Was es braucht, ist eine Fortentwicklung der Seele.

An dieser Stelle werden bereits zwei wesentliche Grundgedanken Platons sehr deutlich: Erstens gibt es einen einheitlichen Ur-Geist, der das materielle Universum erschafft beziehungsweise formt und beseelt. Zweitens ist diese Schöpfung nicht neutral und erst recht nicht sinnlos, denn als „das Gute“ gibt der Ur-Geist Ziel und Richtung vor.



2) Wieso existiert Leid in einer Welt, die dem „Guten“ entspringt?

Als kritischer Leser werden Sie sich sicherlich gefragt haben, wieso Platon diesen Ur-Geist denn ausgerechnet als „das Gute“ postuliert.

Dass es irgendeine geistige Hintergrundrealität als Ursache für unsere physische Welt geben muss, lässt sich in Anbetracht der Rätsel der Quantenphysik vermuten. Aufgrund der vielen mutmaßlich echten paranormalen Phänomene, die in den Themenbereichen "Bewusstseinsforschung" und "Rätselhafte Anomalien" ausführlich dokumentiert sind, erscheint diese Annahme sogar sehr wahrscheinlich. Aber warum sollte das Geistige hinter dem physischen Universum ausgerechnet „gut“ sein? Wie passt das zu dem vielen Leid in der Welt? Warum sollte ein guter und vollkommener Geist eine unvollkommene Welt voller Bösartigkeit, Dummheit und Ignoranz hervorbringen? Platon-Expertin Bettina Fröhlich deutet dieses Paradoxon in ihrem Einführungswerk zu Platon wie folgt:

„Das Problem lässt sich durch die Klärung des Begriffs einer vollkommenen Schöpfung lösen. Gemeint ist damit nicht das vollendete Sein, sondern die Ausstattung des Kosmos mit allen Kräften und Anlagen, die zur Verwirklichung des Seins notwendig sind. […] Das kosmische Ganze und die einzelnen Lebewesen werden […] nicht nach Art eines Mechanismus gedacht, der vom Urheber konstruiert, in Gang gesetzt und am Laufen gehalten wird […]. [Platon] beschreibt vielmehr einen durch Selbstbewegung bestimmten Organismus sowie lebendige Wesen, die durch Eigenständigkeit bestimmt sind und aus eigener Wahl zum Mitschöpfer werden […]. Die Freiheit birgt freilich immer die Möglichkeit der Entscheidung gegen die Vernunft in sich.  (Fröhlich, Bettina: Platon. Eine Einführung, Ditzingen 2023, S. 232)

Hier zeigt sich eine interessante Parallele zu einschlägigen religiösen Vorstellungen von der Ebenbildlichkeit des Menschen zum Göttlichen. Nach Platon sind wir als Menschen zwar nicht vollkommen, tragen aber die Anlagen in uns, es zu werden. Um die Schöpfung evolutionär zu vollenden, wollen diese Anlagen entfaltet werden. Dies geschieht jedoch nicht mechanisch und deterministisch, sondern unter Wahrung des freien Willens, mit dem wir Menschen durch den Schöpfer ausgestattet wurden.

Insofern ist es kein Widerspruch, wenn Platon den schöpferischen „Ur-Geist“ als „das Gute“ postuliert, zugleich aber Unterdrückung, Naturzerstörung und Gewalt an der irdischen Tagesordnung stehen. Diejenigen Menschen, die hierfür verantwortlich zeichnen, haben sich zum Leidwesen ihrer Mitgeschöpfe mit ihrem freien Willen dagegen entschieden, sich gut und vernünftig zu verhalten und ihre entsprechenden Anlagen zur Entfaltung zu bringen. Die Unvernunft und die Bösartigkeit dieser Menschen haben davon abgesehen aber keine tieferen Wurzeln. Oder anders formuliert: Das Böse schöpft seine Existenz nicht aus sich selbst heraus! Es resultiert bloß indirekt aus einem Verkennen oder aus einer freiwilligen Ablehnung des Guten.

Platons Argumentationsmuster erinnert entfernt an mythologische und religiöse Erzählungen über Satan, Luzifer und gefallene Engel.

Die Rebellion gegen das Göttliche als Ursprung der Bösartigkeit in der Welt zeugt auch dort von einer bewussten und freien Entscheidung gegen das ursprünglich Gute. Dasselbe Muster finden wir auch in manchen zeitgenössischen Channelings wie etwa dem Ra-Kontakt. Dort wird behauptet, dass sich jedes Lebewesen im Laufe seiner Weiterentwicklung „polarisieren“ muss: Entweder wählt es den positiven Pfad („Dienst an Anderen“) oder den negativen Pfad („Dienst am Selbst“). Im ersten Fall wählt es den „Weg dessen, was ist“, im zweiten Fall den „Weg dessen, was nicht ist“. Wieder wird also das Böse als substanzlos charakterisiert (negativer Pfad; Weg dessen, was nicht ist). Bösartigkeit zeigt sich bloß als Missachtung oder Ablehnung dessen, was eigentlich ist – nämlich das Gute (im Ra-Kontakt wird es als „Liebe“ beziehungsweise „Licht“ bezeichnet). Mehr zu alledem finden Sie im Themenbereich "Religion, Mythologie und Spiritualität".

Für die Annahme, dass sowohl der Ursprung als auch der Zielpunkt der Schöpfung in einem vollkommenen und gutartigen „Ur-Geist“ liegen, lassen sich noch weitere Indizien ins Feld führen. Eines davon stützt sich auf eine simple Alltagsbeobachtung: Offenkundig streben Menschen in vielerlei Hinsicht nach Bestleistungen oder bewundern diese bei anderen. Dieses Streben nach und Anerkennen von Perfektion lässt sich im Sinne Platons als Orientierung an „das Gute“ betrachten: Wir fühlen uns zur Vollkommenheit hingezogen und bemühen uns dementsprechend um eine bestmögliche Entfaltung unserer Potentiale. Des Weiteren sind wir Menschen offensichtlich vernunftbegabt. Für Platon ist auch das ein sicheres Zeichen unserer „Ebenbildlichkeit zum Göttlichen“. Vernunft ist als Voraussetzung zur Erkenntnis, Einsicht und Selbstreflexion ein wesentlicher Aspekt des „Guten“. Vernunftbegabung bedeutet, dass wir das Potential besitzen, uns dem „Guten“ hinzuwenden. Lassen wir dieses Potential ungenutzt, mag es sein, dass sich unser Streben nach Perfektion als ein blindes Streben in Bereichen vollzieht, die zu leidvollen Erfahrungen führen. Man denke hier zum Beispiel an das irrige Ideal der Nationalsozialisten, ein tausendjähriges Reich mit einer reinrassigen Bevölkerung errichten zu wollen.

Ein weiteres Indiz für die Realität des „Guten“ könnte in paranormalen Phänomenen liegen. 

Platon selbst hatte sich zu seiner Zeit natürlich nicht systematisch mit solchen Phänomenen befasst. Heutige Forschungsergebnisse könnte man jedoch rückblickend als Bestätigung für Platons Vermutung deuten, wonach der „Ur-Geist“ ethisch nicht neutral oder indifferent, sondern gut ist. Ein Beispiel dafür sind Nahtoderfahrungen (siehe hierzu unsere Artikelsammlung zur Nahtodforschung). Betroffene berichten häufig davon, im Rahmen ihres Nahtoderlebnisses eine Lebensrückschau zu erfahren, in deren Verlauf nicht etwa berufliche Erfolge oder Urlaubsreisen, sondern emotionale und ethische Aspekte im Vordergrund stehen. Sie erleben, wie ihre Handlungen auf andere gewirkt haben und welche Emotionen sie bei anderen ausgelöst haben. Der Maßstab der Beurteilung scheint dabei auf „das Gute“ zu verweisen: Die Lebensrückschau wird von den Betroffenen dann als positiv gewertet, wenn sie sich empathisch und verantwortungsvoll verhalten haben. Zeigt sich hingegen, dass sie ihr gesamtes bisheriges Leben in selbstbezogener Rücksichtslosigkeit verbracht haben, empfinden sie ihre Lebensrückschau als schrecklich negativ. Das ist der Hauptgrund dafür, warum nahezu alle Menschen, die eine Nahtoderfahrung erlebt haben, im Anschluss daran mehr Mitgefühl entwickeln. Sie haben erkannt, dass sie mit allen anderen Geschöpfen in Verbindung stehen und als Mitschöpfer eine Verantwortung tragen. Das passt haargenau zu Platons Vorstellung vom „Guten“ als Entfaltungsziel unseres Daseins, dem wir uns durch eine seelische Weiterentwicklung anzunähern haben.



3) Platon und das Reich der Ideen

Die sogenannte „Ideenlehre“ ist wohl der bekannteste Aspekt aus Platons Philosophie, kann aber auch leicht missverstanden werden. Eines darum schonmal vorweg: Mit Idee ist bei Platon kein spontaner Einfall gemeint!

Hinter dem Begriff „Idee“ verbirgt sich vielmehr eine Art geistiges, abstraktes Bild oder Muster. „Das Gute“ stellt wie oben beschrieben die erste und ursprüngliche Wirkursache der gesamten Schöpfung dar. Man könnte es auch als die erste und höchste Idee bezeichnen: Es ist das Muster, aus dem alles andere hervorgeht. Die weiteren Ideen sind demnach untergeordnete Muster, die ihrerseits formgebend auf die Materie wirken. Sie stellen eine Art „Blaupause“ für die materiellen Objekte des Universums beziehungsweise die Gegenstände unseres Alltags dar.

Machen wir uns das am besten anhand einfacher Beispiele verständlich: Für alles, was wir sehen und anfassen können, gibt es nach Platons Ideenlehre ein entsprechendes „geistiges Urbild“. In Ihren Händen halten Sie gerade dieses Buch. Vielleicht stehen weitere Bücher in Ihrem Bücherregal. Die einen sind größer, die anderen kleiner. Doch egal wie groß oder klein Ihre Bücher sind – sie alle sind Bücher: Sie haben alle irgendeine Art von Cover, enthalten unterschiedlich viele bedruckte Seiten und wurden von einem oder mehreren Autoren verfasst, damit Sie darin lesen können. Wenn Sie aus dem Fenster schauen, sehen Sie vielleicht einen oder mehrere Bäume. Oder Sie sehen andere Häuser. Jeder Baum sieht etwas anders aus als der andere und auch Häuser unterscheiden sich in Form, Größe und Bausubstanz. Dennoch sind sie allesamt Bäume beziehungsweise Häuser. Sie verfügen über Wurzeln, einen Stamm und eine Baumkrone beziehungsweise über ein Fundament, Wohnraum und ein Dach. Nun könnten wir das gleiche Spiel mit Grashalmen, Katzen, Gebirgen, Planeten, Sternen und sogar Galaxien treiben. Immer zeigt sich, dass sich die Materie in bestimmten Formen zusammensetzt, die einander sehr ähnlich sind und auf gleichen „Grundmustern“ basieren. Genau diese abstrakten Grundmuster sind Platons Ideen. Sie wirken wie formgebende „Baupläne“ für die Schöpfung. 

Als geistige Muster haben diese Ideen freilich keine materielle Ausdehnung. Außerdem sind sie zeitlos, sie existieren also ewig. 

Mit unseren fünf Sinnen könnten wir Platons Ideen gar nicht greifen. Wir können nur indirekt auf sie schließen: Wenn wir die Bücher, Bäume, Häuser und Grashalme um uns herum betrachten, sehen wir gewissermaßen die „Schatten“, die die jeweiligen Ideen in unsere materielle Welt hineinwerfen.

In populären Darstellungen von Platons Philosophie werden davon ausgehend häufig zwei Welten kontrastiert: Auf der einen Seite liegt unser physisches, raumzeitliches Universum mitsamt unserer wahrnehmbaren Alltagsumgebung. Diese Welt wird gerne als Platons „Schattenwelt“ bezeichnet. Religiöse Menschen mögen sie die „irdische Welt“ oder das „Diesseits“ nennen. Auf der anderen Seite befindet sich das „Reich der Ideen“ als eine rein geistige, nichtmaterielle, nichträumliche und zeitlose (also ewige) Wirklichkeit. Religiöse Menschen würden diese Welt als „Jenseits“ oder „Himmelreich“ deuten. Modern gesprochen könnte man sie vielleicht auch als eine Art „Informationsdimension“ umschreiben. Denn hier liegen ja mit Platons „Ideen“ die „geistigen Baupläne“ für die Ausgestaltung der konkreten Erscheinungen des materiellen Universums bereit.

Unkonventionelle Wissenschaftler wie der Biologe Rupert Sheldrake oder der Physiker Burkhard Heim haben diesen Gedanken mehr als 2000 Jahre nach Platon in abgewandelter Form wieder aufgegriffen. Beide argumentieren, dass der Kosmos mit all seinen Lebensformen aus einem nichtmateriellen Bereich heraus organisiert und strukturiert werden muss. Rupert Sheldrake spricht in diesem Zusammenhang von morphischen Feldern, Burkhard Heim von einer strukturgebenden Entelechie-Dimension. Mehr dazu können Sie in der Artikelsammlung zu Rupert Sheldrake und seinen morphischen Feldern sowie in der Artikelsammlung zu Burkhard Heim und seinem sechsdimensionales Weltbild nachlesen bzw. nachhören.

4) Die Unsterblichkeit und Wiedergeburt der Seele

Besonders spannend ist natürlich die Frage, wo denn eigentlich der Mensch in diesem Zwei-Welten-Modell einzuordnen sei. Die Antwort fällt differenziert aus: Unser fleischlicher Körper ist zweifelsohne diesseitig. Er stellt eine hochkomplexe Anordnung materieller Elemente dar, die gemäß Platons Ideenlehre auf Basis einer entsprechenden Idee „Mensch“ strukturiert wurden. Damit dieser materielle Körper lebendig agieren kann, bedarf er außerdem einer Seele, also einer geistigen Struktur, die im metaphysischen Bereich zuhause ist.

Die Seele definiert Platon als Bewegung, die sich selbst bewegen kann und keines externen Anstoßes bedarf. Als solche Bewegung habe sie keinen Anfang und kein Ende. Folglich muss sie ewig existieren. Durch diese Eigenschaften grenzt sich die Seele klar vom fleischlichen Körper ab. Der ist endlich und kann sich laut Platon nicht aus sich selbst heraus bewegen, sondern benötigt dafür eine Seele. Jeder Körper verliert seine Lebendigkeit, sobald sich die Seele von ihm ablöst. Die Seele indessen kann zwar materielle Körper verlassen, kann aber nicht sich selbst verlassen. Sie bleibt in ständiger Selbstbewegung erhalten – sie ist unsterblich:

„[…] das sich selbst Bewegende ist unsterblich, was aber anderes bewegt und von anderem bewegt wird und also ein Aufhören der Bewegung hat, hat auch ein Aufhören des Lebens. Nur also das sich selbst Bewegende, weil es nie sich selbst verlässt, wird auch nie aufhören, bewegt zu sein.“ (Platon (Autor); Eigler, Gunter (Hrsg.), Schleiermacher, Friedrich (Übersetzer): Werke in acht Bänden, Griechisch-Deutsch, Darmstadt 2001, S. 245 (Phaidros))

Den Begriff „Bewegung“ würden spirituelle Menschen heutzutage eher mit dem Begriff „Energie“ umschreiben – freilich nicht in einem physikalisch messbaren Sinne. Eine breitere Definition von Energie als eine Art „Kraftquelle“ oder als „Fähigkeit, Aktivität zu entfalten“, trifft es aber recht gut. Modern ausgedrückt stellt die Seele demnach eine geistige, ewig wirkende und kreative Energiequelle dar, die keiner externen Energiezufuhr bedarf. Sie schöpft ihre Energie vollständig aus sich selbst heraus. Sie selbst ist Energie (Bewegung). Als solche kann sie völlig autonom wahrnehmen und handeln. Materie hingegen kann das nicht. Materie bedarf für all ihre Handlungen stets einer äußeren Energiequelle. Ohne eine Seele würde keine Pflanze wachsen. Und ohne eine Seele könnte kein Mensch diese Zeilen lesen und erst recht nicht über das Gelesene nachdenken. 

Damit ein Körper leben kann, muss also stets eine Seele an diesen Körper „andocken“. Solange Seele und Körper miteinander verbunden sind, ist der Körper lebendig. Sobald die Seele ihn verlässt, stirbt der Körper ab. 

Die Seele wird sich dann als freie geistige Struktur im metaphysischen Raum weiterbewegen und dort die Erkenntnis sämtlicher Ideen erlangen sowie die Einsicht in das Gute erfahren können. Denn nunmehr ist ihre Wahrnehmung nicht mehr an die Körpersinne und an die körperlichen Triebe gebunden und kann sich stattdessen frei ins „Reich der Ideen“ erstrecken. Sobald die Seele dann abermals an einen materiellen Körper andockt (wenn sie also reinkarniert), vergisst sie laut Platon wieder all das, was sie im freien, rein geistigen Zustand noch aus dem „Reich der Ideen“ wusste. Die Inkarnation in einen materiellen Körper gleicht insofern einer zeitweiligen Amnesie.

Auf den ersten Blick mögen diese Behauptungen spekulativ klingen. Die moderne Reinkarnations- und Nahttodforschung liefern jedoch mögliche Hinweise darauf, dass Platons jahrtausendealte Seelenlehre im Kern stimmen könnte: Sobald wir reinkarnieren, werden unser Wissen und unsere Wahrnehmung eingeschränkt. Davon zeugen zumindest indirekt die Spontanerinnerungen derjenigen Kinder, die sich an ein Vorleben und manchmal sogar an Momente im „Zwischenleben“, also an einen Aufenthalt in einem metaphysischen Bereich, erinnern können (siehe hier zu den Artilel über James Leininger). Der kleine James Leininger erinnerte sich beispielsweise daran, wie er vor seiner Inkarnation aus einer metaphysischen Daseinsebene heraus seine späteren Eltern beobachtete und sie schließlich bewusst als seine Eltern auswählte. Dabei nannte er Details, die sich im Nachhinein verifizieren ließen: Als er – wie er es nannte – noch „im Himmel“ war, habe er seine späteren Eltern in einem großen pinken Hotel gesehen und das Gefühl gehabt, dass sie gute Eltern für ihn sein würden. Tatsächlich verbrachten Bruce und Andrea Leininger nur fünf Wochen, bevor Andrea mit James schwanger wurde, einen Urlaub im pinkfarbenen Royal Hawaiian Hotel in Honolulu.

Solche Erinnerungsakte scheinen zwar vordergründig in Widerspruch zu Platons Annahme zu stehen, dass wir Menschen beim Eintritt in den Körper vergessen, wo wir ursprünglich herkommen. Bemerkenswerterweise sind solche Erinnerungen jedoch niemals die Regel. Sie treten im Gegenteil nur sehr selten auf. Als Ausnahmen streuen sie insofern eine Spur zu der tieferen Wirklichkeit, die Platon womöglich zutreffend umrissen hatte: Wir scheinen tatsächlich aus einer metaphysischen Welt heraus in unsere materiellen Körper hineinzutauchen, ohne als sodann verkörperte Menschen bewusste Erinnerungen an unsere Herkunft zu haben – zumindest im Normalfall. Auch die Nahtodforschung bestätigt indirekt Platons Amnesie-Vermutung. Bei Menschen, die eine Nahtoderfahrung erleben, tritt üblicherweise ein erweitertes Bewusstsein auf (siehe hierzu unsere Aritkelsammlung zur Nahtodforschung). Sie erlangen zum Teil Eindrücke und Einsichten, die sie bei ihrer Rückkehr in die physische Alltagswelt mit Worten nicht ansatzweise beschreiben können. Diese Bewusstseins- und Wahrnehmungserweiterungen deuten darauf hin, dass die Ablösung von unserem Körper tatsächlich mit einer Steigerung von Erkenntnis und Erfahrung einhergeht und dass im Umkehrschluss beim Eintritt in den Körper Wissen eingeschränkt wird – so wie Platon es vermutet hatte. Wie umfassend der Erkenntniszuwachs beim Eintritt ins „Jenseits“ tatsächlich ausfällt, können wir anhand der Nahtodberichte nicht beurteilen, zumal die Betroffenen die Schwelle zum Jenseits ja nicht endgültig überschreiten, sondern wieder ins Physische zurückkehren. Ob jede Seele beim vollständigen Wiedereintritt ins Jenseits die gesamte Wahrheit erkennen wird oder doch nur einen kleineren Ausschnitt des Gesamtbildes erblickt, muss hier offenbleiben.


5) Platon und die Rätsel der Naturwissenschaft

Ungeachtet solcher offenen Fragen und ungeachtet seines spekulativen Charakters leistet Platons Weltbild genau das, was die Naturwissenschaft nicht leisten kann. Für paranormale Phänomene wie Reinkarnation, Nahtoderfahrungen oder Telepathie liefert Platons Seelenlehre Interpretationsmöglichkeiten. Der Naturwissenschaft hingegen bleibt in Ermangelung eines theoretischen Bezugsrahmens nichts anderes übrig, als bei jeder paranormalen Erfahrung Betrug oder Selbsttäuschung zu unterstellen. 

Weil die Naturwissenschaft außerdem nichts objektiv Messbares über den Ursprung des physischen Universums und die Entstehung des Lebens herausfinden kann, weiß sie sich in beiden Fällen nicht anders zu helfen, als den Zufall zu bemühen. Platons Philosophie bietet hier einen alternativen Erklärungsansatz und ermöglicht zugleich eine sinnbehaftete Deutung der ungelösten Rätsel der Quantenphysik, der Hirnforschung und der Entstehung biologischen Lebens.

In der Artikelsammlung "Was ist eigentlich Materie?" hatten wir uns intensiv mit den seltsamen Befunden des Doppelspaltexperimentes befasst.

Quantenphysiker konnten nachweisen, dass sich kleinste Teilchen wie Elektronen und sogar deutlich größere Objekte wie Moleküle am Doppelspalt wie Wellen verhalten, die keinerlei Eigenschaften aufweisen, die wir von Materie erwarten würden. In diesem sogenannten „Überlagerungszustand“ durchqueren die Quantenobjekte zwei Spalte gleichzeitig, was bedeutet, dass sie keine klare Ortsposition haben. Sie scheinen in diesem Zustand eben keine festen Teilchen, sondern eine Art „Wellenwolke“ zu sein, die durch beide Spalte zugleich schwappt. Aus dieser seltsamen „Wellenwolke“ kann aber prinzipiell ein Teilchen hervorgehen. Das geschieht immer dann, wenn es infolge einer Messung zu einem „Wellenkollaps“ kommt: Sobald Physiker mithilfe einer Messvorrichtung die Information erzwingen, wann welcher Spalt passiert wird, manifestiert sich die „Wellenwolke“ umgehend als Teilchen mit einer bestimmbaren Ortsposition. An welcher genauen Position das Teilchen erscheint, kann man im Voraus allerdings nicht zu hundert Prozent wissen. Es lassen sich statistische Wahrscheinlichkeiten angeben, doch innerhalb dieser Wahrscheinlichkeitsverteilung waltet nach aktuellem Forschungsstand der Zufall.

Warum Teilchen nicht von Anfang an einfach Teilchen sein können, sondern erst durch eine Messung zu Teilchen im klassischen Sinne werden, bleibt rätselhaft. Was genau diese „Wellenwolke“ sein soll, die im Moment der Messung zu einem festen Teilchen kollabiert, kann uns die Naturwissenschaft nicht wirklich begreiflich machen. Physiker können formale Eigenschaften einer solchen Welle mathematisch beschreiben und daraus sogar korrekte Prognosen ableiten. Eine verständliche Interpretation dessen, was warum am Doppelspalt geschieht, bleiben sie uns aber schuldig.

Platon konnte von der Quantenphysik natürlich noch nichts wissen. Seine Ideenlehre gestattet dennoch eine zwar nur vage, aber zumindest sinnbehaftete Deutung des „Wellenkollaps“. 

Wie wir weiter oben gesehen haben, wird Materie laut Platon aus der Ideenwelt heraus geformt. Ideen bilden die geistigen Muster, nach denen die Materie sich richtet. Wo genau die Materie herkommt und wie sie geschaffen wird, beantwortet Platon leider nicht eindeutig. Insofern fällt es schwer, den Überlagerungszustand, in dem die Teilchen noch keine Teilchen, aber potenzielle Teilchen sind, mit Platons Terminologie zu umschreiben. Die Tatsache, dass sie in diesem Überlagerungszustand noch keine feste Materie bilden, bringt Platons Weltbild jedoch deutlich weniger in Bedrängnis als den naturwissenschaftlichen Materialismus. Weil Platons Weltbild einen nichtphysischen Bereich vorsieht („Reich der Ideen“ mit der höchsten Idee des „Guten“), wäre es nämlich grundsätzlich denkbar, dass Materie vor ihrer Manifestation an diesen nichtphysischen Raum gebunden ist oder gar erst aus ihm heraus generiert wird. Beim Wellenkollaps überträgt sich womöglich abstrakte Information vom Ideenreich auf die physische Wirklichkeit. Materie könnte in diesem Moment „geformt“ werden, wobei quantenphysikalische Wahrscheinlichkeiten eine gewisse Gestaltungsfreiheit erlauben würden.

Zugegebenermaßen ist das alles nur grobe Spekulation. Philosophie ist halt keine exakte Wissenschaft. Wo empirische Beweisbarkeit als Prüfkriterium nicht gegeben ist, kann man den Wert eines Weltbildes nur noch anhand seiner Deutungskraft, seiner inneren Logik sowie der Plausibilität seiner Argumentation beurteilen. In dieser Hinsicht hält Platon im Vergleich zum Materialismus, der die gesamte Existenz auf feste Teilchen zurückführt, sicherlich nicht die schlechteren Karten in der Hand.

Spekulativ mögen auch die Deutungsmöglichkeiten sein, die Platons Seelenlehre für die Rätsel der Hirnforschung anbietet. Doch solange die Entstehung des Bewusstseins nicht auf das Gehirn zurückgeführt werden kann (siehe hierzu den Themenbereich "Bewusstseinsforschung"), bleibt das Konzept einer vom materiellen Gehirn unabhängigen Seele legitim. 

Mehr noch: Es hat sogar die Nase vorn, wenn es darum geht, die Erkenntnisse der Reinkarnationsforschung, der Nahtodforschung und der Parapsychologie einzuordnen. Laut Platon wäre das Verhältnis zwischen Geist und Gehirn jedenfalls genau umgekehrt zum Materialismus zu betrachten: Nicht das Gehirn erzeugt den Geist, sondern die Seele belebt als sich selbst bewegende Lebensenergie den Körper samt dessen Gehirn.

Wenn Neurowissenschaftler mit bildgebenden Verfahren unsere Gehirnaktivität untersuchen, sehen sie im Sinne Platons nichts als Materie, die durch die bewegende Kraft der Seele belebt wird. Die belebende Kraft selbst sehen sie aber nicht, denn die ist ja nichtphysischer Natur. Unser mit Vernunft ausgestattetes Bewusstsein kann aus dieser Perspektive nicht vom materiellen Gehirn erzeugt werden. Bewusstsein registriert bloß unsere körperlich-sinnlichen Wahrnehmungen, um sich in seinen entsprechenden Reaktionen wiederum in der Gehirnaktivität niederzuschlagen, sodass das Gehirn auf rein physischer Ebene die entsprechenden Körperreaktionen koordinieren kann.
Während die Seele mit einem Körper verbunden ist, bleibt unser Bewusstsein in seiner Wahrnehmung stets an die Körpersinne gebunden und deshalb durch diese eingeschränkt. Das erklärt, warum wir uns im normalen Wachbewusstsein nicht als das erfahren, was wir eigentlich sind: Weil wir als Seele an einen materiellen Körper „angedockt“ sind, erleben wir die Welt nicht als „freie Seele“ in nichtphysischen Dimensionen, sondern betrachten uns durch die Wahrnehmungsfilter unseres Gehirns und unserer Körpersinne als fleischliche Menschen. Gemäß Platons Konzept der „Amnesie“ verfügen wir in diesem Zustand über keinen unmittelbaren Zugang zu der nichtphysischen Umgebung, aus der wir eigentlich stammen.

Ein weiteres Problem der Naturwissenschaft liegt in ihrer Unfähigkeit, die Entstehung biologischen Lebens zu erklären (siehe hierzu unsere Artikelsammlung über die "Rätsel des Lebens").

Mit Platons Weltbild finden wir auf diese Frage eine klare Antwort: Sowohl die Belebung als auch die Formbildung biologischer Körper erfolgt durch eine metaphysische Einwirkung: Während die Seele die Lebensenergie bereitstellt, sorgen die Ideen für die Formbildung gemäß ihrer strukturgebenden „Bauanleitungen“.



6) Platons Höhlengleichnis

Trotz seiner hilfreichen Deutungspotentiale gilt Platons Weltmodell in unserer aufgeklärten, westlichen Kultur allenfalls als historisch relevant. Im Sinne einer möglicherweise zutreffenden Beschreibung der Wirklichkeit wird es weder in der breiten Öffentlichkeit noch in akademischen Kreisen diskutiert. Was man nicht sehen und messen kann, hat halt keinen wissenschaftlichen Wert. 

Platon selbst hat in seinem berühmten Höhlengleichnis anschaulich vermittelt, warum es den meisten Menschen so schwerfällt, eine geistige Hintergrundrealität als Wahrheit zu akzeptieren. Zugleich zeigt er mit diesem Gleichnis, warum es naiv wäre, zu glauben, es gäbe nur das, was man sehen, anfassen oder messen kann:

Stellen Sie sich vor, Menschen seien in einer Höhle gefesselt und sehen auf einer ihnen gegenüberliegenden Wand Projektionen von Gegenständen, die hinter ihren Rücken vor einem Feuer vorbeigetragen werden (siehe Abbildung unten). Was diese gefesselten Menschen sehen, ist also nur ein Schatten beziehungsweise eine Projektion der wahren Gegenstände, nicht die echten Objekte selbst. Solange die gefesselten Menschen aber nie etwas Anderes sehen und erfahren als diese Schattenbilder, werden sie dieselben für die ganze Wirklichkeit halten. Diese gefesselten Menschen symbolisieren in Platons Höhlengleichnis die Masse der Menschen, die nur das, was sie sehen und anfassen können, für echt halten und sich keine weiteren Fragen stellen. Auch dogmatische Wissenschaftler, die nur das für wahr halten, was sie materiell nachweisen und messen können, passen in diese Kategorie.

Man stelle sich nun vor, einer der gefesselten Menschen würde sich von seinen Fesseln befreien, weil er das Bedürfnis verspürt, zu erkunden, ob es noch mehr gibt als diese Schatten an der Wand.

Dieser Mensch symbolisiert in Platons Höhlengleichnis einen zweifelnden, fragenden, kritischen, suchenden, wissbegierigen, forschenden, philosophierenden und aufgeschlossenen Menschen. Dieser Mensch wird von der Entdeckung der Höhle – einer umfassenderen Wirklichkeit – völlig in Staunen versetzt sein und muss darum einige Anstrengung aufbringen, sich diesem veränderten Weltbild zu stellen und es zu verarbeiten. Stellt man sich weiterhin vor, dieser mutige Wahrheitssuchende würde nun auch noch die Höhle verlassen, um zu sehen, was sich außerhalb derselben befindet, würde er vom Sonnenlicht geblendet und könnte zunächst gar nichts mehr erkennen, bis sich seine Augen an das Licht gewöhnt haben. Diese Situation symbolisiert die begrenzte Erkenntnis- und Anpassungsfähigkeit des Menschen in Anbetracht einer Wirklichkeit, die unser Vorstellungs- und Wahrnehmungsvermögen um ein Vielfaches übersteigt. Zugleich steht sie symbolisch für den ethisch-moralischen „Aufstieg“ des Wahrheitssuchenden zum „Guten“, der durch eine entsprechende Persönlichkeitsentwicklung unter Aufgabe egoistischer Selbstbezogenheit vollzogen werden muss und insofern einen äußerst schwierigen und langwierigen Prozess darstellt.

Stelle man sich zuletzt vor, der Wahrheitssuchende würde zu seinen gefesselten Mitmenschen zurückkehren, um ihnen zu berichten, was er herausgefunden hat und um sie aufzufordern, sich ebenfalls von ihren Fesseln zu befreien und sich das anzusehen. Er würde laut Platon mit ungläubigem Lachen der Gefesselten bedacht und damit zum Gespött der Leute. Von einigen würde er für verrückt erklärt, andere bezichtigten ihn der Lüge. Diese Begebenheit symbolisiert die Ignoranz und den Starrsinn breiter Bevölkerungsschichten sowie dogmatischer Wissenschaftler in Bezug auf nichtphysische Realitätsebenen beziehungsweise auf die Möglichkeiten ihrer Erkundung. Die meisten Menschen und konventionellen Wissenschaftler bleiben lieber „gefesselt“ in ihrer „kleinen“ Wahrnehmung, statt sich von einem neuen, größeren Weltbild verunsichern und überwältigen zu lassen.

7) Weiterführende Informationen und Buchtipps