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Philosophie & Wissenschaft

Sheldrake's morphische Felder (1/4) 
Was gibt Körpern ihre Form?


Woher sollten verschiedene Körperzellen, die durch Teilung identischer Ausganszellen entstehen, wissen, ob sie diese oder jene Form entwickeln müssen? Warum bilden Zellen mal Arme, mal Beine, mal ein Auge und mal eine Niere aus? Woher erhält die Materie, aus der unser Körper zusammengesetzt ist, ihre „Bauanweisung“?


1) Morphogenetische Felder

Die Forschungsfrage, auf die der Biologe Rupert Sheldrake zu Beginn der 1980er Jahre eine Antwort suchte, betraf das Problem der sogenannten Formbildung. Damals konnte niemand erklären, warum und woher ein Organismus wissen kann, dass er sich in genau der Gestalt herausbilden soll, die er letztlich annimmt. Dass wir Menschen zum Beispiel zwei Beine und zwei Arme mit jeweils fünf Fingern und fünf Zehen ausbilden, schien völlig rätselhaft. 

Seit der Entdeckung der "Morphogene" durch Christiane Nüsslein-Volhard (die dafür 1995 sogar den Medizin-Nobelpreis erhielt) halten viele Biologen das Rätsel zwar für gelöst, Sheldrake hält diese Lösung jedoch für eine Scheinlösung und pocht auf die Relevanz seiner Theorie. Genaueres zu diesem Zwist erfahren Sie auf der Artikelseite "Lassen sich morphische Felder beweisen?". Zunächst sollten wir aber verstehen, was Sheldrakes Theorie überhaupt aussagt.

In seinem Werk „Das schöpferische Universum“ aus dem Jahr 1981 stellte Rupert Sheldrake die Hypothese auf, dass die Formbildung biologischer Organismen nicht im Erbgut codiert ist, sondern sich durch Resonanz mit sogenannten morphogenetischen Feldern vollzieht. Diese Felder sind immateriell. Sie sind nichts Greifbares und nichts Messbares. Sie sind eine Art Informationsspeicher, der mit Materie in Wechselwirkung (in Resonanz) steht.

Wenn ein bestimmter Organismus wie der menschliche Körper in seiner Evolution begriffen ist, dann erhält er nach Sheldrake seine „Bauanleitung“ aus einem entsprechenden morphogenetischen Feld. Das morphogenetische Feld strukturiert und organisiert die Atome und Moleküle dieses Organismus derart, dass dieser die ihm typische Gestalt annimmt.

In gewisser Weise erinnert diese Hypothese an Platon und sein Konzept der Ideen. Auch Platon fragte sich, was die Materie dazu bringt, sich in verschiedenen Formen zu manifestieren. Dabei fiel ihm auf, dass sich manche Strukturen sehr ähnlich sind. Bäume zum Beispiel mögen zwar im Detail sehr verschieden sein, im Grunde sind sie dennoch alle gleich: Sie verfügen über Wurzeln, einen Stamm, Äste und Blattwerk. Allen Bäumen scheint also ein gleiches Grundkonzept zugrunde zu liegen. Das Gleiche ließe sich von menschlichen Körpern, aber auch von Grashalmen, Fischen oder Katzen sagen. Auch nichtbiologische Erscheinungen wie Kristalle, ganze Gebirge oder gar Sterne ähneln sich. Platon vermutete daher gemeinsame, abstrakte Grundmuster als „Blaupausen“ für die Herausbildung konkreter Einzelexemplare. Platon nannte diese Muster „Ideen“. Diese verortete er nicht im materiellen Universum selbst, sondern als formgebende Prinzipien jenseits von Raum und Zeit. Als „metaphysische Baupläne“ strukturieren und organisieren diese „Ideen“ die physische Materie.

In diesem letzten Aspekt unterscheidet sich Sheldrake von Platon. Sheldrake stellt sich seine morphogenetischen Felder nicht als jenseitige, sondern als im physischen Raum ausgebreitete Einflussgebiete vor: 

Morphogenetische Felder umhüllen und durchdringen die biologischen Systeme, die sie strukturieren. Und anders als Platons Ideen sind sie nicht starr und ewig, sondern in der Zeit veränderbar. Insofern sind Sheldrakes morphogenetische Felder nicht metaphysisch im Sinne von außerweltlich. Weil sie immateriell sind, sind sie dennoch nicht sicht- und messbar: Sie tragen weder physische Energie in sich, noch bestehen sie aus irgendwelchen „Teilchen“. Morphogenetische Felder sind reine „Informationsfelder“, nach denen sich die räumliche Anordnung der Materie richtet.

Der „Feld“-Begriff ist in der Wissenschaft nicht neu. Aus der Schulzeit kennen wir alle noch den Begriff des Magnetfeldes. Weitere bekannte Felder sind elektrische Felder oder auch Gravitationsfelder. Allen diesen Feldern ist gemeinsam, dass sie in ihrem Einflussbereich eine ordnende Wirkung entfalten. Magnetfelder richten magnetische Gegenstände wie zum Beispiel Eisenspäne oder eine Kompassnadel nach Nord- und Südpol aus. Elektrische Felder setzen geladene Teilchen in eine gerichtete Bewegung. Und Gravitationsfelder krümmen gemäß Einsteins Relativitätstheorie den Raum derart, dass sich zum Beispiel Planeten um einen Stern oder Monde um einen Planeten herumbewegen. Stets vollzieht sich also im Raum eine strukturierende Wirkung. In ähnlicher Weise will Sheldrake seine morphogenetischen Felder verstanden wissen: Nach ihnen richtet sich die räumliche Gestaltbildung der biologischen Organismen aus. Stark vereinfacht ausgedrückt: So wie ein Stück Eisenspäne mit einem Magnetfeld wechselwirkt und sich nach Nord- und Südpol ausrichtet, wechselwirkt ein menschliches Embryo mit dem morphogenetischen Feld „Mensch“ und bildet seine Form entsprechend aus.


2) Morphische Resonanz

Wie genau überträgt sich die Information vom Feld auf den Organismus? 

Da es sich bei den morphogenetischen Feldern nicht um Kraftfelder, sondern um reine Informationsfelder handelt, kann hier offenbar keine Übertragung von physikalischer Energie stattfinden. Sheldrake postuliert darum einen physikalisch nicht greifbaren Übermittlungsprozess, den er „morphische Resonanz“ nennt. Man kann morphische Resonanz weder sehen noch messen. Man kann sie sich laut Sheldrake nur indirekt durch ihre Auswirkungen erschließen. Angeblich kann man solche Auswirkungen auch experimentell nachweisen – dazu später mehr.
Bei der Informationsübertragung mittels morphischer Resonanz herrscht stets ein gewisser Spielraum. Morphogenetische Felder sind laut Sheldrake „probabilistisch“, sie bilden bestimmte Strukturen also nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit aus. So sorgen sie dafür, dass zwar immer die typische Gestalt hervorgebracht wird, jedoch nicht unbedingt in genau derselben Weise. Deshalb sehen Bäume und sogar einzelne Blätter, wenngleich sie im Allgemeinen über dieselben Grundmerkmale verfügen, im Detail alle anders aus.

Doch woher stammt der formbildende „Strukturplan“ eines morphogenetischen Feldes überhaupt? Sheldrakes verblüffende Antwort: Der „Strukturplan“ wurde ebenfalls durch morphische Resonanz übermittelt – und zwar aus der umgekehrten Richtung. Ein morphogenetisches Feld entnimmt seinen „Strukturplan“ stets aus der Gestalt der bestehenden und früheren Organismen. Morphische Resonanz gleicht also keinem Einbahnstraßenverkehr. Es ist ja eben nicht so, dass wie bei Platons Ideen der „Strukturplan“ für einen bestimmten Organismus schon immer da war. Stattdessen sind morphogenetische Felder dynamisch, das heißt wandelbar. Die wahrscheinlichkeitsbedingten Varianten der Ausgestaltung von konkreten Organismen (siehe oben: Felder sind „probabilistisch“) beeinflussen demnach die Struktur des entsprechenden morphogenetischen Feldes derart, dass es sich Veränderungen anpasst. Folglich beeinflusst jeder heutige Baum und jeder heutige Mensch in seiner heutigen Erscheinung das Aussehen künftiger Bäume und Menschen, so wie jede Veränderung in der Vergangenheit das Aussehen heutiger Bäume und Menschen prägte. Und genau das ist der Grund, warum sich die Gestalt von Organismen im Laufe der Evolutionsgeschichte allmählich verändert.

Morphogenetische Felder könnte man insofern als „Gewohnheitsfelder“ bezeichnen. Die Struktur, die sie heute einem bestimmten Organismus verleihen, speist sich aus der vorherigen Struktur desselben Organismus. 

Man könnte auch etwas lapidar formulieren, ein morphogenetisches Feld gleiche einem „Gedächtnis“, in das die Gestaltinformationen der vorherigen Organismen abgespeichert und aus dem die Baupläne künftiger Organismen abgerufen werden. Dabei liegt eine physikalisch gesehen unerklärliche Ursache-Wirkungs-Beziehung vor, die Raum und Zeit überbrückt: Ein Körper, der heute existiert, kann die Form eines anderen, künftigen Körpers beeinflussen, ohne aber in einer physikalischen Wechselwirkung zu ihm zu stehen. Die Auswirkung erfolgt indirekt und zeitversetzt über eine Veränderung des morphogenetischen Feldes mittels morphischer Resonanz.

Eine entscheidende Frage bleibt dann aber noch offen: Wenn die Strukturinformation eines morphogenetischen Feldes auf Gewohnheiten basiert, sich also aus der Struktur vorheriger Körper speist – wie ist dann eigentlich die erste Struktur beziehungsweise das erste Feld entstanden? 

Hierauf, so schreibt Sheldrake, ist eine wissenschaftliche Antwort nicht möglich. Für ihn ist klar, dass mit jeder neuartigen Struktur ein neues Feld entstehen muss, sodass jedes Mal, wenn ein neuer Organismus hervorgebracht wurde, auch ein entsprechendes Feld entstand, das die Formbildung jenes Organismus fortan stabilisierte, indem sich künftige Exemplare nach diesem Feld ausrichteten und das Feld ihrerseits erneut prägten. Wie aber neuartige Strukturen und mit ihnen neuartige Felder erstmals in die Welt kamen, müsse offenbleiben:

„Man könnte die ursprüngliche Wahl einer bestimmten Form dem Zufall zuschreiben oder man spricht sie einer Kreativität in der Materie zu oder aber einem transzendenten kreativen Organ. Wir haben aber keinerlei Aussicht, diese verschiedenen Möglichkeiten auf experimentellem Wege voneinander zu unterscheiden.“ (Sheldrake, Rupert: Das schöpferische Universum. Die Theorie des Morphogenetischen Feldes. Eine revolutionäre Theorie über das Universum, Berlin 2009, S. 139)

Sheldrake merkt umgehend an, dass diese Ungewissheit nicht als eine Schwäche seiner Theorie ausgelegt werden darf, weil dieselbe Ungewissheit grundsätzlich in Bezug auf alle Felder gilt, mit denen sich Physiker befassen. Warum es zum Beispiel ein Gravitationsfeld gibt und wie der Magnetismus in die Welt kam, kann auch niemand sagen. Diese Phänomene sind einfach da. Wissenschaft kann nicht mehr tun, als die Existenz dieser Phänomene aufzudecken und ihre Wirkungen zu beschreiben. Die Klärung der allerersten Ursachen weist über die Physik hinaus und ist darum Gegenstand der Metaphysik.

3) Die hierarchische Schichtung von Feldern

Bislang wurde der Eindruck erweckt, als verfüge jede Spezies über genau ein Feld. Für die Spezies Mensch würde demnach ein morphogenetisches Feld existieren, dessen Strukturinformation sich aus der Gestalt aller vorherigen Menschen speist und die Formbildung aller künftigen Menschen prägt. Das ist so auch nicht falsch. Es ist aber auch noch nicht ganz richtig. Tatsächlich gibt es laut Sheldrake nämlich neben diesem übergeordneten Feld für die gesamte Spezies Mensch unzählige untergeordnete Felder, die sich jeweils auf die „Einzelteile“ beziehen, aus denen wir Menschen bestehen – bis hin zu den Elementarteilchen. All diese Felder sind hierarchisch ineinander verschachtelt und sorgen auf diese Weise dafür, dass sich ein funktionierendes Ganzes bildet.

Und das gilt nicht nur für uns Menschen, sondern für jeden Organismus, so zum Beispiel auch für Pflanzen: 

„… die morphogenetischen Felder [sind] hierarchisch gestaffelt: [Diejenigen] von Organellen – beispielsweise des Zellkerns, der Mitochondrien und der Chloroplasten – wirken, indem sie die in ihnen ablaufenden physikochemischen Prozesse regulieren. Diese Felder sind Gegenstand übergeordneter Felder von Zellen, d.h. sie werden von ihnen bestimmt; die Felder von Zellen werden wiederum von denen der Gewebe bestimmt, die der Gewebe von denen der Organe und die der Organe schließlich von dem morphogenetischen Feld des Organismus als eines Ganzen. Auf jeder Ebene wirken Felder dadurch, dass sie Prozesse, die sonst unbestimmbar wären, auf bestimmte Weise regulieren.“ (Sheldrake, Rupert: Das schöpferische Universum. Die Theorie des Morphogenetischen Feldes. Eine revolutionäre Theorie über das Universum, Berlin 2009, S. 133)

So kommt es, dass sich die Atome und Moleküle in Pflanzen genauso verhalten, wie es erforderlich ist, damit die Pflanze als Ganzes wachsen und gedeihen kann. Nach demselben Prinzip verhält es sich bei uns Menschen: Ohne die ordnende Funktion hierarchisch angeordneter Felder würden unsere materiellen Bausteine unkoordiniert als Einzelelemente vorhanden sein, aber keinen hochstrukturierten Organismus hervorbringen. Die „oberen“ Felder beinhalten die „unteren“ Felder und lenken diese nach ihren Zwecken.

Falls Sie sich bislang die Frage stellten, was die Beschäftigung mit der Formbildung biologischer Organismen mit dem eigentlichen Kernthema von Matrixwissen.de zu tun hat, nämlich tieferes Wissen über die Wirklichkeit des Seins zu finden, kommt nun die entscheidende Wendung: 

Nicht die biologische Formbildung als solche ist dafür relevant, sondern die allgemeine Funktionsweise der unterstellten Felder mitsamt des Prinzips der morphischen Resonanz – und zwar vor allem dann, wenn man sie, wie Sheldrake das tat, von der Biologie auch auf andere Aspekte der Wirklichkeit überträgt. Wie Sheldrake das getan hat und zu welchen Schlüssen er dabei kam, erfahren Sie auf den nächsten Artikelseiten.

4) Weiterführende Informationen und Buchtipps