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Philosophie & Wissenschaft

Die Unus-Mundus-Hypothese (1/3) 
Die Urheber: Physiker Wolfgang Pauli und Psychologe C.G. Jung


Pauli und Jung - zwei Berühmtheiten ihrer Zeit und zwei Koryphäen in ihren jeweiligen Disziplinen. Wie kam es zur ungewöhnlichen Zusammenarbeit zwischen dem Quantenphysiker und Nobelpreisträger Wolfgang Pauli mit dem Psychoanalytiker und Mystiker C.G. Jung?


1) Wer war Wolfgang Pauli?

Wolfgang Pauli. Bildquelle: https://www.flickr.com/photos/193673378@N02/51376308875/ (CC 2.0)

Wolfgang Pauli (1900–1958) gilt als einer der scharfsinnigsten und zugleich eigenwilligsten Physiker des 20. Jahrhunderts. Sein Lebensweg ist geprägt von einer ungewöhnlichen Mischung aus strenger wissenschaftlicher Rationalität und einer tiefen Suche nach metaphysischen Ordnungen.

 Geboren in Wien in eine jüdische Familie, zeigte sich früh sein außerordentliches mathematisches Talent. Schon als Gymnasiast las er Einsteins Relativitätstheorie. Paulis wissenschaftliche Karriere entwickelte sich rasant. Er arbeitete in Hamburg, Göttingen, Kopenhagen, Zürich, später auch in den USA. Weltberühmt wurde er durch die Formulierung des nach ihm benannten Pauli-Prinzips (1925), das die Grundlage für das Verständnis der Struktur der Materie bildet und in unserer Artikelsammlung zur Quantenphysik verständlich erklärt wird (siehe hierzu unseren Artikel: "Die Zwischenräume im Atom"). Im Jahr 1930 sagte er die Existenz der Neutrinos voraus.  Für seine Arbeiten zur Quantenmechanik und insbesondere für sein Pauli-Prinzip erhielt er 1945 den Nobelpreis für Physik.

Berühmt war Pauli auch für die Tatsache, dass in seiner Nähe angeblich Messinstrumente versagten und Experimente misslangen. Scherzhaft wurde dies unter Physikern als "Pauli-Effekt" bezeichnet. Hier einige Beispiele, die im Wikipedia-Artikel zum "Pauli-Effekt" unter Angabe der jeweiligen Originalquelle aufgelistet sind:

> Der Physiker Hans Bethe berichtete: „Das erste Mal traf ich Pauli 1929 während einer Sektionssitzung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft in Freiburg im Breisgau. Als während der Sitzung der Diaprojektor ausfiel, stand Pauli auf und zeigte voller Stolz auf sich, um den ‚Pauli-Effekt‘ anzudeuten. Damals war das Gerücht umgegangen, dass keine Versuchseinrichtungen funktionieren würden, solange Pauli im Zimmer war.“ (Bethe, Hans: Begegnungen mit Wolfgang Pauli. In: Wolfgang Pauli und die moderne Physik. Katalog zur Sonderausstellung der ETH-Bibliothek, 2000, S. 85)

> Berühmt wurde ein Vorfall im Labor des Physikers James Franck in Göttingen, bei dem ein wertvoller und empfindlicher Apparateteil zu Bruch ging, während Pauli nicht anwesend war. Franck teilte dies dem in Zürich lebenden Kollegen mit, verknüpft mit dem Scherz, diesmal wenigstens treffe Pauli durchaus keinerlei Schuld an dem Vorfall. Dieser jedoch entgegnete, er habe zur fraglichen Zeit im Zug nach Kopenhagen einen kurzen Aufenthalt in Göttingen gehabt.

> Während eines Aufenthalts an der Princeton University im Februar 1950 geriet das dortige Zyklotron (ein Teilchenbeschleuniger) in Brand, was Pauli ebenfalls mit dem Effekt in Zusammenhang brachte.

> Von einem weiteren Pauli-Effekt berichtet der Astrophysiker Engelbert Schücking. Pauli pflegte in seiner Zeit in Hamburg in den 1920er Jahren seinen Freund Walter Baade und andere Astronomen, die er dort kannte, am Observatorium in Bergedorf bei Vollmond zu einigen Gläsern Wein zu besuchen (in dieser Zeit können Astronomen nicht beobachten). Genau bei einer solchen Gelegenheit wurde der Große Refraktor (ein Teleskop) beinahe ganz zerstört.

> Giuseppe Occhialini wollte Pauli bei seinem Besuch in Brüssel eine Freude bereiten und inszenierte einen „Pauli-Effekt“: eine Hängelampe war so präpariert, dass sie herunterfallen sollte, wenn Pauli die Tür öffnete. In der Probe klappte das gut, nur als Pauli eintrat, blieb das Herunterfallen aus.

> Der Experimentalphysiker Otto Stern, der mit Pauli befreundet war und der in Hamburg sein Kollege war, erteilte Pauli Labor- und auch Institutsverbot.

Pauli starb 1958, im Alter von nur 58 Jahren, an Krebs – und soll angeblich mit einem letzten ironischen Lächeln bemerkt haben, dass er in Zimmer Nummer 137 des Spitals lag: jener Zahl, die er als „mystisch“ betrachtete, weil sie mit der Feinstrukturkonstante der Natur zusammenhängt. Was Pauli hier und mit seinem "Pauli-Effekt" erlebte, wird im Rahmen der Unus-Mundus-Theorie als "Synchronizität" bezeichnet. Mehr dazu erfahren Sie auf der nächsten Artikelseite. Bevor es soweit ist, widmen wir uns aber zunächst noch dem zweiten Protagonisten der Unus-Mundus-Theorie: Carl Gustav Jung.



2) Wer war C.G. Jung?

Dieses Bild von C.G. Jung stammt aus der Sammlung der ETH-Bibliothek und wurde auf Wikimedia Commons im Rahmen einer Kooperation mit Wikimedia CH veröffentlicht. https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=94177705 (gemeinfrei)

Carl Gustav Jung wurde am 26. Juli 1875 in Kesswil am Bodensee geboren. 

Als Sohn eines reformierten Pfarrers wuchs er in einem intellektuell geprägten Haushalt auf, der seine frühe Neugier auf menschliche Psyche und spirituelle Fragen nährte. Schon in seiner Jugend zeigte Jung ein ausgeprägtes Interesse an Medizin und Philosophie, was ihn schließlich an die Universität Basel führte, wo er Medizin studierte und sich hierbei auf das Fach Psychiatrie spezialisierte.

Jungs beruflicher Weg begann in den 1900er Jahren in der renommierten Psychiatrischen Klinik Burghölzli in Zürich. Früh wandte Jung sich der Psychoanalyse Sigmund Freuds zu. Freud und Jung verband eine intensive wissenschaftliche und persönliche Beziehung, doch spätestens 1913 kam es zu einer entscheidenden Trennung: Jung wollte über das Unbewusste nicht nur als Ort verdrängter Triebe sprechen, sondern auch dessen symbolische, kulturelle und spirituelle Dimensionen erforschen. Zentral war Jungs Idee des kollektiven Unbewussten – einer universellen, archetypischen Schicht menschlicher Psyche, die allen Kulturen und Zeiten gemeinsam ist. Hierin liegt der entscheidende Unterschied zu Freud, der das Unbewusste für jeden Menschen individuell begrenzt verstand.

Neben der klinischen Praxis unternahm Jung intensive Reisen und Studien in Asien, Afrika und Nordamerika, um Mythen, Träume und religiöse Symbole verschiedener Kulturen zu vergleichen. Diese ethnologischen Beobachtungen flossen in seine psychologische Theorie ein und unterstrichen sein Interesse an der Verbindung von Psyche und Spiritualität.

In seiner späten Schaffensphase pflegte Jung einen regen Kontakt mit dem Physiker Wolfgang Pauli zu Fragen über die Verbindung von Psyche und Materie. Daraus entstand das Konzept der Synchronizität, das Phänomene beschreibt, in denen innere psychische Zustände und äußere Ereignisse bedeutungsvoll, aber nicht kausal miteinander verknüpft erscheinen (mehr dazu auf der folgenden Artikelseite).

Carl Gustav Jung starb am 6. Juni 1961 in Küsnacht bei Zürich. Sein Werk hinterließ eine weitreichende Wirkung – nicht nur auf Psychologie und Psychiatrie, sondern auch auf Literatur, Kunst und Religionswissenschaft.

3) Was führte Pauli und Jung zusammen?

Wolfgang Pauli litt trotz seiner Bilderbuch-Karriere als Wissenschaftler persönlich unter tiefen Krisen. Der frühe Tod der Mutter, eine gescheiterte erste Ehe und die Erfahrung des Exils während der NS-Zeit führten zu seelischen Erschütterungen. In dieser persönlichen Krise wandte sich Pauli an Jung. Jung sah in Pauli aber nicht nur einen Patienten, sondern auch einen wissenschaftlich gleichrangigen Gesprächspartner, der die Brücke zwischen Naturwissenschaft und Psychologie intellektuell ernst nehmen konnte.

Der Austausch zwischen den beiden war in den 1930er und 1940er Jahren intensiv. Folgte er zunächst in Form von psychotherapeutischen Sitzungen, entwickelte sich schnell ein umfassender Briefwechsel. Die Gespräche drehten sich um Träume, Archetypen, das Unbewusste und den Versuch, physikalische Phänomene und psychische Erfahrungen in einem gemeinsamen Denkrahmen zu verstehen. Daraus entstand das bereits mehrfach angedeutete Konzept der Synchronizität: bedeutsame Zufälle, bei denen innere seelische Zustände und äußere Ereignisse ohne kausale Verbindung miteinander korrespondieren. Pauli brachte die strenge wissenschaftliche Perspektive ein, Jung die psychologische Deutung und symbolische Analyse.

Für beide Seiten war der Breifwechsel eine persönliche Bereicherung: Jung konnte seine Theorie des kollektiven Unbewussten in den Dialog mit modernster Physik setzen. Für Pauli bot die Begegnung eine Möglichkeit, sein eigenes inneres Leben zu verstehen und gleichzeitig die Grenzen der klassischen Kausalität in der Naturwissenschaft zu reflektieren. Die Zusammenarbeit gilt in dieser Form als einzigartig in der Wissenschaftsgeschichte, stellte sie doch den Versuch dar, die Grenzen scheinbar gegensätzlicher Paradigmen (Naturwissenschaft vs. Mystik) zu überwinden. Bis heute hin fasziniert der Austausch junge Generationen von aufgeschlossenen Wissenschaftlern - so etwa das Team um Prof. Markus Maier von der LMU München, das sich um eine experimentelle Überprüfung eben jener Unus-Mundus-Theorie bemüht, die aus den Überlegungen von Jung und Pauli erwachsen ist und die Gegenstand der nun folgenden Artikelseite ist.

4) Weiterführende Informationen und Buchtipps