Themenbereich
Philosophie & Wissenschaft

Die Unus-Mundus-Hypothese (2/3) 
Die Kernaussagen der Unus-Mundus-Hypothese


Stellen Sie sich vor, Sie denken an eine alte Freundin – und im gleichen Moment ruft genau diese Person bei Ihnen an. Zufall? Oder ein Hinweis auf ein tieferes Prinzip, das unsere Welt verbindet? Genau diesem Gedanken widmete sich Carl Gustav Jung gemeinsam mit dem Physiker Wolfgang Pauli, als sie die Theorie des Unus Mundus entwickelten. Der lateinische Begriff bedeutet „eine Welt“ – eine Realität, in der alles miteinander verbunden ist. 


Inhaltsübersicht:

  1. Synchronizitäten: Hinweise auf eine tiefere Ebene der Verbundenheit?
  2. Unus Mundus: Ein Blick hinter die Kulissen der Wirklichkeit?
  3. Weiterführende Informationen und Buchtipps

1) Synchronizitäten: Hinweise auf eine tiefere Ebene der Verbundenheit?

"Unus Mundus" bedeutet "Eine Welt". Gemeint ist damit die Einheit allen Seins.

Diese Idee einer grundlegenden Einheit allen Seins ist in der Philosophie (Platon, Schopenhauer, ...), in alten Mythologien und in der Spiritualität weit verbreitet. Jung und Pauli griffen den Gedanken auf, um ein aus ihrer Sicht ungelöstes Problem zu erklären: Wie lassen sich Zusammenhänge deuten, die offenbar keine kausale Erklärung haben, aber dennoch so eindrucksvoll sind, dass sie kein bloßer Zufall zu sein scheinen? Die Vorstellung, dass hinter solchen Ereignissen ein gemeinsamer, unsichtbarer Nenner liegen müsse, führte Jung und Pauli zum Konzept von "Unus Mundus". Bevor wir uns dessen Kernelemente genauer anschauen, wollen wir ein noch besseres Verständnis jener bedeutsamen Ereignisse verschaffen, die Jung und Pauli umtrieben: die sogenannten Synchronizitäten.

Ein Beispiel für Synchronizität wäre, wenn Sie während einer langen Autofahrt über ein bestimmtes Thema nachgrübeln und plötzlich im Autoradio ein aufschlussreicher Beitrag zu genau diesem Thema läuft. Oder Sie haben eine Kerze für einen im Sterben liegenden Verwandten angezündet und just in dem Moment, in dem die Kerze erlischt, erhalten Sie den Anruf, dass die betreffende Person verstorben ist.

 Ein weiteres Beispiel für Synchronizität stammt von Carl Gustav Jung selbst:

„Eine junge Patientin hatte in einem entscheidenden Moment ihrer Behandlung einen Traum, in welchem sie einen goldenen Skarabäus [Anm. d. Verf.: ein Glücksbringer in Gestalt eines mythologischen Käfers] zum Geschenk erhielt. Ich saß, während sie mir den Traum erzählte, mit dem Rücken gegen das geschlossene Fenster. Plötzlich hörte ich hinter mir ein Geräusch, wie wenn etwas leise an das Fenster klopfte. Ich drehte mich um und sah, dass ein fliegendes Insekt von außen gegen das Fenster stieß. Ich öffnete das Fenster und fing das Tier im Fluge. Es war die nächste Analogie zu einem goldenen Skarabäus, welche unsere Breiten aufzubringen vermochten, nämlich ein Scarabaeide (Blatthornkäfer), Cetonia aurata, der gemeine Rosenkäfer, der sich offenbar veranlasst gefühlt hatte, entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten in ein dunkles Zimmer gerade in diesem Moment einzudringen.” (Jung, Carl Gustav: Gesammelte Werke. Band 8, Ostfildern 1993, S. 497)

Sowohl Jung als auch seine Patientin waren von dieser Begebenheit zutiefst ergriffen. Durch den Vorfall konnte sich die Patientin erstmals der Behandlung öffnen. Sie war überzeugt, ein bestätigendes Zeichen erhalten zu haben.

Besonders kurios erschien Pauli und Jung die Tatsache, dass in Paulis Gegenwart immer wieder Laborexperimente scheiterten und Apparaturen zerstört wurden (siehe hierzu die vorige Artikelseite). 

Dieser sogenannte "Pauli-Effekt" war für die beiden kein Zufall, sondern ein weiteres Beispiel für das, was sie Synchronizität nannten: ein bedeutungsvoller und oftmals emotional aufwühlender Zusammenhang zwischen psychischer Innenwelt und physischer Außenwelt, dem keine naturwissenschaftliche Kausalität zugrundliegt.

Skeptiker interpretieren solche Ereignisse freilich als puren Zufall. Jung und Pauli sowie viele derjenigen Menschen, die solche Ereignisse erlebt haben, meinen hingegen, dass die Häufigkeit solcher Vorkommnisse sowie die emotionale Ergriffenheit, die mit ihnen einhergeht, zu unwahrscheinlich sind, um sie in jedem Einzelfall als bloßen Zufall abzutun (siehe hierzu auch das folgende Video ab Minute 33:36).

VIDEO: Die Mechanik des Zufalls (ZDF-Dokumentation)

59:28 Minuten, deutsch

Ab Minute 33:36 werden in dieser Dokumentation "Synchronizitäten" thematisiert. Diejenigen, die davon berichten, halten sie für mehr als bloße Zufälle und messen ihnen eine tiefe Bedeutung bei.

2) Unus Mundus: Ein Blick hinter die Kulissen der Wirklichkeit

Das Unus-Mundus-Modell versucht das Problem der Synchronizität dadurch zu lösen, dass es Psyche und Materie miteinander in Verbindung bringt. Geist und Materie gehören demnach zusammen:

Psyche und physische Welt werden als unterschiedliche Ausdrucksformen derselben Realität verstanden. Gedanken, Gefühle und äußere Ereignisse sind deshalb miteinander verwoben. Synchronizitäten stellen sich dieser Hypothese folgend als Fenster in jene Einheit dar: Bedeutungsvolle "Schein-Zufälle" werden als Hinweise auf die verborgene Realität interpretiert, die Physik und Psyche gleichermaßen zugrundeliegt.

Als Quantenphysiker erkannte Pauli in diesem Konzept gewisse Parallelen zu seiner eigenen Forschung. Denn in der Quantenmechanik gelten bekanntlich nicht immer die klassischen, linearen Ursache-Wirkung-Beziehungen. Auch hier scheinen sich Realitätsbereiche zu überlagern, die aber auf für uns unverständliche Weise einen gemeinsamen Urgrund haben müssen. So vereint zum Beispiel Materie auf einer fundamentaleren Ebene sowohl Eigenschaften einer Welle als auch eines Teilchens, wobei für uns völlig unverständlich ist, wie man sich das konkret vorzustellen hat (siehe hierzu unsere Artikelseite zum Doppelspaltexperiment).

Jung seinerseits erkannte Parallelen zu seinem Konzept der Archetypen. Unter Archetypen verstand er universelle, angeborene psychische Strukturen, die in allen Menschen wirken (in unserem kollektiven Unbewussten) und unsere Wahrnehmung, Gefühle und Handlungen prägen. Sie sind keine konkreten Figuren, sondern grundlegende Muster oder Symbole wie der Held, die Mutter oder der Schatten, die sich in Träumen, Mythen und kulturellen Erzählungen wiederholen. Archetypen spiegeln die kollektive, überindividuelle Ordnung der Psyche und bilden so eine „unsichtbare Landkarte“ unseres inneren Erlebens. Auch hier finden wir also die Idee einer unsichtbaren, gemeinsamen Realität, die unseren wahrnehmbaren Gedanken und sichtbaren Handlungen zugrunde liegt.

Wie genau Geist und Materie auf jener tieferen Ebene zusammenhängen und was genau diese verborgene Realität ausmacht, lässt sich wissenschaftlich natürlich nicht ermitteln, weil die wissenschaftliche Methodik nunmal auf das physisch Sicht- und Messbare beschränkt bleibt (siehe hierzu unsere Artikelseiten "Grenzen der Wissenschaft aus Sicht der Philosophie" und "Wann gilt etwas eigentlich als wissenschaftlich bewiesen?"). Gleichwohl gibt es Versuche, die Zusammenhänge zu modellieren, aus ihnen Vorhersagen abzuleiten und diese sodann empirisch zu überprüfen. Federführend bei dieser Arbeit ist das Team um den Psychologen Prof. Markus Maier von der LMU München. Nachstehend finden Sie ein Interview mit Prof. Maier, in dem er seinen Versuch der Modellierung von Paulis und Jungs Unus-Mundus-Hypothese mithilfe schematischer Darstellungen präsentiert. Das Interview ist auf englisch, Sie können auf Youtube aber einen deutschen Untertitel generieren lassen. Am Ende des Videos geht Prof. Maier außerdem schon auf seine Experimente zur Überprüfung des Modells ein. Mehr zu diesen Experimenten finden Sie auf der nächsten Artikelseite.

VIDEO: Prof. Maier erklärt sein Unus-Mundus-Modell

23:35 Minuten, englisch (deutscher Untertitel möglich)

In diesem Video präsentiert Prof. Maier seinen Versuch der Modellierung von Paulis und Jungs Unus-Mundus-Hypothese mithilfe schematischer Darstellungen. Das Interview ist auf englisch, Sie können auf Youtube aber einen deutschen Untertitel generieren lassen.

3) Weiterführende Informationen und Buchtipps