Es gab eine Zeit, da glaubten die Menschen, Blitz und Donner seien Ausdruck von Gottes Zorn. Die Reihe weiterer Naturphänomene, die frühere Kulturen mangels wissenschaftlicher Erkenntnis als übernatürliche Ereignisse fehldeuteten, ist lang: Erdbeben, Vulkanausbrüche, Missernten, Krankheiten, Polarlichter, Sonnenfinsternis und dergleichen mehr. Liegt es da nicht auf der Hand, heutige unerklärliche Phänomene in die gleiche Kategorie einzuordnen? Sind z.B. Nahtoderlebnisse, angebliche Erinnerungen an Vorleben, Fernwahrnehmungen, Kontakte mit Verstorbenen, telepathische Informationsübertragungen und dergleichen vielleicht gar keine Hinweise auf geistige Welten? Könnten sie nicht auch unverstandene Naturprozesse sein, die beispielsweise über unsere Gehirnchemie erklärbar sein werden, sobald die Neurowissenschaft unser Bewusstsein vollständig entschlüsseln kann?
Dieses Argument mag vordergründig einleuchtend klingen, verkennt aber die qualitativen Unterschiede zwischen den Ereignissen, um die es hier geht: Naturphänomene wie Erdbeben, Missernten, Polarlichter, Sonnenfinsternis oder Blitz und Donner sind eindeutig äußerlich und darum objektiv sichtbar. Paranormale Phänomene wie Nahtoderfahrungen, telepathische Informationsübertragungen, Fernwahrnehmungen, Erinnerungen an Vorleben und Kontakte mit Verstorbenen beziehen sich hingegen auf innerliche, subjektive Erlebnisse und sind als solche nicht äußerlich sichtbar. Es handelt sich hierbei nicht um unverstandene Naturprozesse, sondern um Bewusstseinsphänomene. Insofern sind für diese auch keine naturwissenschaftlichen Erklärungen zu erwarten – es sei denn, man möchte annehmen, dass Bewusstsein als Produkt des physischen Gehirns letztlich auch nur ein Naturphänomen ist. Dann könnte man ja wie oben mutmaßen, dass die Hirnforschung eines Tages nachvollziehen kann, wie und wo im Gehirn wann und warum welche Gedanken und Wahrnehmungen entstehen, sodass sich zweifelsfrei erklären lässt, welche rein physischen Ursachen zum Beispiel Erinnerungen an vermeintliche Vorleben hervorrufen. Damit wäre den scheinbar paranormalen Phänomenen endgültig jeder Zauber und jede metaphysische Anhaftung genommen. Die Naturwissenschaft könnte dann potenziell alles erklären.
Gegen die materialistische Auffassung von Bewusstsein als rein physisch bedingtes Gehirnphänomen gibt es allerdings zwei starke Einwände. Erstens gibt es dafür keinerlei Beweise. Die Idee, dass Bewusstsein ein Produkt des Gehirns sei, wird von den Naturwissenschaften einfach postuliert, also behauptet. Um diese Behauptung aufrecht zu erhalten, müssen sogar bekannte und gut dokumentierte Anomalien ausgeklammert oder in fragwürdiger Weise „zurechtgedeutet“ werden. Fallberichte über Menschen, die trotz inaktivem oder extrem stark beschädigtem Gehirn über ein voll funktionsfähiges Bewusstsein verfügen, legen nämlich nahe, dass Bewusstsein gar keine physische Basis im Gehirn zu haben scheint (siehe hierzu die Artikelseite "
Medizinisches Rätsel: Volles Bewusstsein trotz Hirnschäden").
Zum Zweiten scheitert der Ansatz an denjenigen übersinnlichen Wahrnehmungen, bei denen die subjektiv erlebten Bewusstseinsinhalte zugleich einen überprüfbaren Bezug zur Außenwelt aufweisen. Wenn zum Beispiel ein klinisch toter Patient eine Nahtoderfahrung erlebt, während der er im außerkörperlichen Zustand die Wiederbelebungsversuche anwesender Ärzte an seinem Körper beobachtet (wie im Fall von Dr. Rudy, siehe hierzu die Artikelseite "
Fallbeispiele und Interviews mit Betroffenen" in unserer Artikelsammlung zur "
Nahtodforschung"), dann wird er anschließend von Dingen berichten können, die sich objektiv zugetragen haben und nachträglich von den Ärzten bestätigt werden können. Es stellt sich dann nicht nur die Frage, wie ein Mensch überhaupt mit geschlossenen Augen visuelle Wahrnehmungen haben kann. Es stellt sich außerdem die Frage, wie es sein kann, dass sich das innere Erleben in diesem Fall mit der äußeren Realität deckt. Geht man nämlich von der naturwissenschaftlichen Annahme aus, dass Nahtoderfahrungen Halluzinationen sind, die durch noch nicht ganz verstandene Gehirnprozesse verursacht werden, dann müssten Nahtoderfahrungen eigentlich ausnahmslos subjektiven Fantasiereisen gleichen. Eine objektiv überprüfbare Beschreibung dessen, was sich in der physischen Welt um die betreffende Person herum abspielt (zum Beispiel die Abläufe im Operationssaal), lässt sich mit dieser Hypothese gar nicht in Einklang bringen.
Noch eindrücklicher ist in dieser Hinsicht das paranormale Phänomen des „
Remote Viewing“ (Fernwahrnehmung), das in unserem Themenbereich "
Bewusstseinsforschung" am Beispiel des US-amerikanischen Spionageprojekts „Stargate“ vorgestellt wird. Bei diesem Projekt haben Spione mit entsprechenden Fähigkeiten angeblich auf telepathischem Wege Informationen und Sinneseindrücke zu weit entfernt liegenden Ereignissen oder Objekten erhalten, die ihnen zuvor nicht bekannt waren. Wenn Bewusstseinsinhalte ursächlich an das Gehirn gebunden und paranormale Erlebnisse ausschließlich noch nicht zur Gänze nachvollziehbare Fantasieprodukte des Gehirns wären – wie sollten diese Informationen dann in das Gehirn dieser Spione hineingekommen sein? Wäre das Erlebte reines Gehirnphänomen, ließe sich dieser Bezug nach außen nicht erklären. Ebenso verhält es sich mit Spontanerinnerungen von Kindern an frühere Leben (siehe hierzu unsere Artikelsammlung zur "
Reinkarnationsforschung").