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Philosophie & Wissenschaft

Woher wissen wir, was wahr ist? (4/8) 
Die Verabsolutierung der Naturwissenschaft


In diesem Artikel erfahren Sie, warum die Hinwendung zur Wissenschaft manchmal den Charakter eines Glaubens annehmen kann.


1) Ist der Glaube an geistige Welten bloß Platzhalter für mangelndes Wissen?

Es gab eine Zeit, da glaubten die Menschen, Blitz und Donner seien Ausdruck von Gottes Zorn. Die Reihe weiterer Naturphänomene, die frühere Kulturen mangels wissenschaftlicher Erkenntnis als übernatürliche Ereignisse fehldeuteten, ist lang: Erdbeben, Vulkanausbrüche, Missernten, Krankheiten, Polarlichter, Sonnenfinsternis und dergleichen mehr. Liegt es da nicht auf der Hand, heutige unerklärliche Phänomene in die gleiche Kategorie einzuordnen? Sind z.B. Nahtoderlebnisse, angebliche Erinnerungen an Vorleben, Fernwahrnehmungen, Kontakte mit Verstorbenen, telepathische Informationsübertragungen und dergleichen vielleicht gar keine Hinweise auf geistige Welten? Könnten sie nicht auch unverstandene Naturprozesse sein, die beispielsweise über unsere Gehirnchemie erklärbar sein werden, sobald die Neurowissenschaft unser Bewusstsein vollständig entschlüsseln kann?

Dieses Argument mag vordergründig einleuchtend klingen, verkennt aber die qualitativen Unterschiede zwischen den Ereignissen, um die es hier geht: Naturphänomene wie Erdbeben, Missernten, Polarlichter, Sonnenfinsternis oder Blitz und Donner sind eindeutig äußerlich und darum objektiv sichtbar. Paranormale Phänomene wie Nahtoderfahrungen, telepathische Informationsübertragungen, Fernwahrnehmungen, Erinnerungen an Vorleben und Kontakte mit Verstorbenen beziehen sich hingegen auf innerliche, subjektive Erlebnisse und sind als solche nicht äußerlich sichtbar. Es handelt sich hierbei nicht um unverstandene Naturprozesse, sondern um Bewusstseinsphänomene. Insofern sind für diese auch keine naturwissenschaftlichen Erklärungen zu erwarten – es sei denn, man möchte annehmen, dass Bewusstsein als Produkt des physischen Gehirns letztlich auch nur ein Naturphänomen ist. Dann könnte man ja wie oben mutmaßen, dass die Hirnforschung eines Tages nachvollziehen kann, wie und wo im Gehirn wann und warum welche Gedanken und Wahrnehmungen entstehen, sodass sich zweifelsfrei erklären lässt, welche rein physischen Ursachen zum Beispiel Erinnerungen an vermeintliche Vorleben hervorrufen. Damit wäre den scheinbar paranormalen Phänomenen endgültig jeder Zauber und jede metaphysische Anhaftung genommen. Die Naturwissenschaft könnte dann potenziell alles erklären.

Gegen die materialistische Auffassung von Bewusstsein als rein physisch bedingtes Gehirnphänomen gibt es allerdings zwei starke Einwände. Erstens gibt es dafür keinerlei Beweise. Die Idee, dass Bewusstsein ein Produkt des Gehirns sei, wird von den Naturwissenschaften einfach postuliert, also behauptet. Um diese Behauptung aufrecht zu erhalten, müssen sogar bekannte und gut dokumentierte Anomalien ausgeklammert oder in fragwürdiger Weise „zurechtgedeutet“ werden. Fallberichte über Menschen, die trotz inaktivem oder extrem stark beschädigtem Gehirn über ein voll funktionsfähiges Bewusstsein verfügen, legen nämlich nahe, dass Bewusstsein gar keine physische Basis im Gehirn zu haben scheint (siehe hierzu die Artikelseite "Medizinisches Rätsel: Volles Bewusstsein trotz Hirnschäden").

Zum Zweiten scheitert der Ansatz an denjenigen übersinnlichen Wahrnehmungen, bei denen die subjektiv erlebten Bewusstseinsinhalte zugleich einen überprüfbaren Bezug zur Außenwelt aufweisen. Wenn zum Beispiel ein klinisch toter Patient eine Nahtoderfahrung erlebt, während der er im außerkörperlichen Zustand die Wiederbelebungsversuche anwesender Ärzte an seinem Körper beobachtet (wie im Fall von Dr. Rudy, siehe hierzu die Artikelseite "Fallbeispiele und Interviews mit Betroffenen" in unserer Artikelsammlung zur "Nahtodforschung"), dann wird er anschließend von Dingen berichten können, die sich objektiv zugetragen haben und nachträglich von den Ärzten bestätigt werden können. Es stellt sich dann nicht nur die Frage, wie ein Mensch überhaupt mit geschlossenen Augen visuelle Wahrnehmungen haben kann. Es stellt sich außerdem die Frage, wie es sein kann, dass sich das innere Erleben in diesem Fall mit der äußeren Realität deckt. Geht man nämlich von der naturwissenschaftlichen Annahme aus, dass Nahtoderfahrungen Halluzinationen sind, die durch noch nicht ganz verstandene Gehirnprozesse verursacht werden, dann müssten Nahtoderfahrungen eigentlich ausnahmslos subjektiven Fantasiereisen gleichen. Eine objektiv überprüfbare Beschreibung dessen, was sich in der physischen Welt um die betreffende Person herum abspielt (zum Beispiel die Abläufe im Operationssaal), lässt sich mit dieser Hypothese gar nicht in Einklang bringen.

Noch eindrücklicher ist in dieser Hinsicht das paranormale Phänomen des „Remote Viewing“ (Fernwahrnehmung), das in unserem Themenbereich "Bewusstseinsforschung" am Beispiel des US-amerikanischen Spionageprojekts „Stargate“ vorgestellt wird. Bei diesem Projekt haben Spione mit entsprechenden Fähigkeiten angeblich auf telepathischem Wege Informationen und Sinneseindrücke zu weit entfernt liegenden Ereignissen oder Objekten erhalten, die ihnen zuvor nicht bekannt waren. Wenn Bewusstseinsinhalte ursächlich an das Gehirn gebunden und paranormale Erlebnisse ausschließlich noch nicht zur Gänze nachvollziehbare Fantasieprodukte des Gehirns wären – wie sollten diese Informationen dann in das Gehirn dieser Spione hineingekommen sein? Wäre das Erlebte reines Gehirnphänomen, ließe sich dieser Bezug nach außen nicht erklären. Ebenso verhält es sich mit Spontanerinnerungen von Kindern an frühere Leben (siehe hierzu unsere Artikelsammlung zur "Reinkarnationsforschung").

Vieles spricht dafür, dass das Gehirn eher ein Korrelat des Bewusstseins sein könnte, nicht aber dessen Ursache. Mit Korrelat ist gemeint, dass das Gehirn mit dem Bewusstsein zusammenhängt, sowie ein Monitor und eine Tastatur als Korrelate mit einem Desktopcomputer zusammenhängen. Monitor und Tastatur sind mit dem Computer verbunden, bilden zugleich aber unabhängige Einheiten. So könnte es auch mit dem Bewusstsein und dem Gehirn sein. Das Bewusstsein wäre demnach als unabhängige Einheit gar nicht zwingend auf das Gehirn als physischen Träger angewiesen, so wie ja auch ein Desktop-Computer unabhängig von einem Monitor und einer Tastatur existiert. Womöglich interagiert das Bewusstsein einfach nur mit dem Gehirn, so wie ein Computer mit Monitor und Tastatur interagiert. Dieses Modell können Sie in unserer Artikelsammlung "Wo steckt das Bewusstsein?" studieren.

Um zu zeigen, warum paranormale Phänomene vermutlich keine physikalische Ursache haben und die Naturwissenschaft folglich nicht alles erklären kann (und folglich nicht verabsolutiert werden darf), bezogen wir uns bis hierhin ausschließlich auf solche paranormalen Phänomene, die sich vorrangig als inneres Erleben abspielen. Solche inneren Vorgänge sind keine Natur-, sondern Bewusstseinsphänomene, die – wie gezeigt – auch mit Verweis auf das physische Gehirn nicht plausibel begründet werden können. Und genau deshalb ist eben nicht zu erwarten, dass es jemals eine rein naturwissenschaftliche Erklärung für solche inneren Wahrnehmungen geben kann. Sie sind von äußerlich beobachtbaren Naturphänomenen wie Blitz und Donner, die einst ebenfalls als „übernatürlich“ galten, grundverschieden. Die Scheinanalogie, wonach man Phänomene, die heute als unerklärlich betrachtet werden, künftig naturwissenschaftlich erklären können wird, so wie man auch Blitz und Donner inzwischen naturwissenschaftlich erklären kann, gilt deshalb nicht.

Doch wie ist es mit denjenigen paranormalen Phänomenen, die schwerpunktmäßig kein inneres Erleben darstellen, sondern sich sichtbar im Außen manifestieren? Bei Telekinese bewegen sich Objekte. Bei Geistheilung kann ein Schmerzpatient plötzlich aufstehen und sich schmerzfrei bewegen – wie im Fall des vermeintlichen „Wunderheilers“ Charlie Goldsmith, dessen Arbeit sogar in einer medizinischen Studie untersucht (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26035025/) und von einem australischen Fernsehteam dokumentiert wurde (siehe nachstehendes Video). All das kann man, wenn es denn geschieht, objektiv beobachten. Ist das dann nicht ähnlich wie Blitz und Donner? Sollte man nicht annehmen, dass es zumindest für diese Phänomene, sofern sie nicht ohnehin auf Betrug und Täuschung basieren, eine natürliche Erklärung geben könnte?

VIDEO: Der Fall "Charly Goldsmith" (kurzer Ausschnitt aus dem Film Matrix)

04:51 Minuten, englisch

Echte Geistheilung, Placebo oder natürlicher Vorgang? Im australischen Fernsehen lief diese Reportage über Charly Goldsmith, einen - so wird er genannt - "Energieheiler", dessen vermeintliche Fähigkeiten sogar Gegenstand in einer wissenschaftlichen Studie waren (Die Studie finden Sie unter der URL: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26035025/) .


Bei angeblicher Geistheilung liegt immer der Verdacht nahe, es könne sich um einen Placebo-Effekt handeln. Interessant bei diesem Argument ist, dass dies selbst für den Fall, dass es so wäre, gar keine plausible naturwissenschaftliche Erklärung darstellte. Denn wenn sich Menschen besser fühlen, nur weil sie glauben, dass es ihnen bald besser gehen wird, liegt ja gar kein physikalischer Ursache-Wirkungs-Zusammenhang vor. 

Im Grunde genommen ist der Placebo-Effekt selbst ein erklärungsbedürftiges Bewusstseins-Phänomen, bei dem Geist auf Materie einzuwirken scheint. Im Übrigen ist die Sache mit Charlie Goldsmith komplizierter, da die Heilungseffekte zum Teil auch bei skeptischen Patienten auftraten (siehe Video oben).

Angenommen, die Fähigkeiten wären echt, könnte man theoretisch immer noch vermuten, dass es sich dabei nicht um „geistige Kräfte“ handelt, sondern um irgendeine physikalische Energie, die nur noch nicht entdeckt wurde. Schließlich wurde die hinter dem Blitz waltende Elektrizität auch erst im 18. Jahrhundert durch Benjamin Franklins Drachen-Experiment nachgewiesen. Und so könnte hinter der angeblichen „Geistheilung“ von Charlie Goldsmith – sofern er nicht ohnehin ein Betrüger wäre – eine Art von noch unentdeckter und heilsam wirkender physikalischer Energie stecken, die in Zukunft bei entsprechenden technischen und wissenschaftlichen Fortschritten auch nachgewiesen und messbar gemacht werden könnte. Ähnlich könnte es sich dieser Denklogik zufolge auch bei der Telekinese verhalten, sofern es „echte“ Telekinese denn überhaupt gibt und hier nicht ebenfalls Betrug und Irrtum vorliegen. Vielleicht können manche Menschen bestimmte Formen von noch nicht entdeckter physikalischer Energie aussenden, die auf bestimmte Objekte einwirkt und sie dann bewegt.

Was hier als Analogieschluss denklogisch vorstellbar wäre, zieht natürlich keine zwingende Notwendigkeit nach sich. Nur weil Blitze inzwischen rein physikalisch erklärbar sind, müssen es Telekinese und Geistheilung nicht auch sein. Vielleicht sind sie von völlig anderer Natur als ein Blitz. Anzunehmen, dass es auf jeden Fall eine natürliche Erklärung geben müsse (sofern es sich hierbei nicht ohnehin um Betrug handelt), ohne das aber wirklich wissen zu können, gleicht einem Glauben.

2) Wenn Naturwissenschaft zum Glauben wird 

Wer die Existenz des Nichtphysischen kategorisch ausschließt, der muss glauben, dass ALLE Nahtoderfahrungen halluziniert und erlogen sind, dass ALLE Fallbeispiele für Telekinese auf Betrug oder natürlichen Einwirkungen wie Luftströmen basieren, dass ALLE Berichte über Remote Viewing frei erfunden sind, dass ALLE Erinnerungen an Vorleben unverstandene Gehirnprozesse sind, dass ALLE Kontakte mit Verstorbenen auf Einbildung, Wunschdenken und Tricks betrügerischer Medien zurückgehen und dass ALLE Kornkreise menschengemachte Landschaftskunst zeigen.

Um das für alle ALLE Fälle sicher sagen zu können, müsste man sich dann aber eigentlich auch die Mühe machen, ALLE Fälle genauestens zu untersuchen. Wenigstens sollte man die nicht so leicht erklärbaren Fälle genauer unter die Lupe nehmen. Unserer Erfahrung nach verfügen aber gerade diejenigen Menschen, die eine dogmatische, naturwissenschaftliche Position vertreten, über die geringste Kenntnis von wirklich starken Fallbeispielen. In ihrer Überzeugung, dass das ja ohnehin alles Quatsch sei, scheinen sie es von vorneherein abzulehnen, sich überhaupt ernsthaft mit diesen Themen auseinanderzusetzen.

Auch Skeptikerorganisationen wie die GWUP oder Psiram befassen sich kaum mit solch starken Fallbeispielen und machen sich das Leben dadurch sehr einfach:

Die Reinkarnationsforschung an Kindern mit Spontanerinnerungen durch Prof. Stevenson, Prof. Tucker und weiteren Forschenden wird zum Beispiel nirgends thematisiert. Zum „Sehen ohne Augen“ gibt es auf Psiram zwar einen Eintrag (siehe Quellenangaben unten), dieser ist aber stark tendenziös, weil er nur sehr einseitig auf die umstrittene Persönlichkeit des Russen Mark Komissarov (einem der angeblichen Erfinder des „Sehens ohne Augen“) und sein gescheitertes Experiment in James Randis „Eine Million Dollar Herausforderung“ eingeht. Die viel aussagekräftigeren Dokumentationen, die es über den Blinden Harald Frase, etliche Kinder in Deutschland, den USA und England, sowie der experimentellen Bestätigung des Phänomens durch den italienischen Physiker Prof. Elio Conte von der Universität Bari gibt, spart der Artikel komplett aus (mehr über all das finden Sie in unserer Artikelsammlung zum Phänomen „Sehen ohne Augen“). Auch das ist eine typische Eigenschaft von gläubigen Menschen: Sie verschließen die Augen vor unbequemen Ereignissen, Untersuchungen und Fakten, um ihr Weltbild nicht in Gefahr zu bringen. Vermutlich steckt dahinter ein psychologischer Schutzmechanismus, auf den wir auf der Artikelseite "Starre Paradigmen und kognitive Dissonanz" näher eingehen.

Die Naturwissenschaft als EINZIGEN zulässigen Erklärungsansatz für ALLE objektiven und subjektiven Phänomene dieser Welt zu postulieren und ausnahmslos ALLE ungelösten Rätsel der Gegenwart für künftig naturwissenschaftlich erklärbar zu halten, zeugt von einer vollends geschlossenen Denkweise. Wer die Naturwissenschaften derart verabsolutiert, erhebt sie zu seinem Gott und verhält sich wie ein zutiefst gläubiger Mensch, auch wenn er sich selbst für vernünftig und aufgeklärt hält, weil er ja seinem Selbstverständnis nach wissenschaftlich denkt und alle anderen bezichtigt, Gläubige zu sein. Die Verabsolutierung der Naturwissenschaft ist darum eine besonders perfide Glaubensfalle. Wer in sie hineintappt, merkt es meistens gar nicht und es fällt entsprechend schwer, denjenigen noch mit Argumenten zu erreichen.

3) Weiterführende Informationen: