Themenbereich
Religion, Mythologie und Spiritualität

Die 'Michael-Teachings' und der 'Ra-Kontakt' (4/7)
Schöpfung, Menschenbild und der Sinn des Daseins


Warum der Sinn allen Daseins für "Michael" und "Ra" in der Entfaltung von Liebe liegt


1) Der Ursprung und Zweck des Universums

Laut „Ra“ liegt der Ursprung von allem, was ist, in „Intelligenter Unendlichkeit“ – einem zunächst noch ungeteilten Ur-Potenzial, das sich seiner selbst bewusst wird. „Michael“ beschreibt einen identischen Ausgangspunkt, bezeichnet das einheitliche Ur-Bewusstsein aber gemäß der chinesischen Tradition als „Tao“. Hinduisten würden es „Brahman“ nennen. Bei Thomas Campbell und seiner Simulationstheorie heißt es „Absolute Unbounded Oneness“ (AUO). Für Platon ist es „das Gute“. Und manch einer würde es vielleicht einfach nur als „Gott“ umschreiben.

Den Zweck der Schöpfung und damit den Sinn allen Dasein verorten sowohl „Ra“ als auch „Michael“ in der Selbsterkenntnis jenes Ur-Bewusstseins. Solange „Intelligente Unendlichkeit“ beziehungsweise das „Tao“ als ungeteilte Einheit existiert, gibt es keine Differenz und folglich nichts außerhalb dieser Einheit, was erkannt werden kann. 

Um sich selbst zu erfahren, muss sich das All-Eine ausdifferenzieren, indem es sich unterteilt. Durch Unterteilung bildet das All-Eine fraktale Untereinheiten seiner selbst. Diese können sich dann gegenseitig als unterscheidbare Entitäten erfahren. Daraus folgt, dass „Intelligente Unendlichkeit“ beziehungsweise das „Tao“ in jedem noch so kleinsten Ding der Schöpfung enthalten sein muss. Oder anders formuliert: Alles, was existiert, ist ein Ausdruck des „Göttlichen“. Im „Ra-Kontakt“ heißt es entsprechend:

„Wie Es entscheidet, Sich selbst zu erkennen, erschafft Es Sich selbst in dieses Plenum hinein, voll der Pracht und der Kraft des Einen Unendlichen Schöpfers, der für eure Wahrnehmung als Raum oder Weltraum manifestiert ist.” (Elkins, Don; McCarty, Jim; Rückert, Carla L.: Der Ra-Kontakt, S. 511)

Wenn es außerhalb des „göttlichen“ All-Einen nichts gibt, unterliegt das All-Eine keiner äußeren Begrenzung. Es ist also frei zu tun und zu lassen, was es will. Folglich müssen auch alle Untereinheiten, die das „All-Eine“ durch seine innere Differenzierung erzeugt und die ihm als Fraktale entsprechen, mit einem freien Willen ausgestattet sein. Das müsste logischerweise auch für Materie gelten, denn auch Materie ist als Bestandteil von allem, was ist, ein Ausdruck des „Göttlichen“. 

Diese Logik wirkt auf den ersten Blick seltsam: Wie kann man ernsthaft behaupten, ein Stein sei frei? Selbst bei uns Menschen könnte man sich berechtigterweise fragen, wie es um unsere Freiheit eigentlich bestellt ist, wo wir doch offensichtlich verschiedensten körperlichen, sozialen und kulturellen Zwängen unterliegen. Wie passt das alles zusammen?

2) Willensfreiheit in einem fraktalen Universum

Im „Ra-Material“ heißen die fraktalen Untereinheiten des All-Einen „Logoi“ beziehungsweise „Sub-Logoi“, „Sub-Sub-Logoi“ und so weiter. Im Zuge der Ausdifferenzierung des All-Einen entstehen also verschachtelte Hierarchien von individuierten Entitäten, wobei die übergeordneten „Sub-Logoi“ die untergeordneten „Sub-Sub-Logoi“ in sich enthalten. Auf der untersten Stufe dieser hierarchischen Strukturierung stehen die Elementarteilchen, gefolgt von komplexeren und größeren Formen unbelebter Materie, die sich aus diesen Elementarteilchen zusammensetzen. Bakterien, Pflanzen und tierische Organismen sind weiter oben angesiedelt, weil sie die unbelebte Materie in sich enthalten. Die Menschen bewegen sich auf einer höheren Hierarchiestufe als Pflanzen und Tiere, sind in ihrem seelischen Aspekt aber nur eine Untermenge höherer Entitäten („Seelenfamilien“ beziehungsweise „soziale Erinnerungskomplexe“).

Das Ausmaß, in dem sich der freie Wille entfalten kann, hängt nun offensichtlich mit dem Hierarchieniveau der jeweiligen Entität zusammen. 

Das hatte auch schon Burkhard Heim erkannt, als er sämtliche Erscheinungen des Universums entlang einer gedachten Strukturachse X5 anordnete (siehe hierzu unsere Artikelsammlung zu Burkhard Heims sechsdimensionalem Weltmodell): Je komplexer die Struktur, desto höher der Freiheitsgrad.

Oder mit „Ra“ gesprochen: Je umfassender ein „Sub-Sub-Logos“, desto höher seine „Dichtestufe“ und damit sein Bewusstheits- und Freiheitsgrad. Wir Menschen in der „dritten Dichte“ verfügen über deutlich mehr Entscheidungsspielraum als ein Stein in der „ersten Dichte“, dessen Freiheit augenscheinlich gegen Null tendiert. Im Vergleich zu einem Kollektivwesen wie „Ra“ oder „Michael“ wirkt unser Aktionsraum hingegen ziemlich bescheiden. Höher entwickelte Entitäten in den höheren „Dichten“ können mit bewusster Absicht Dinge tun, die wir als paranormal empfinden. Derweil können wir Menschen Dinge tun, die für Tiere in der „zweiten Dichte“ nicht nachvollziehbar sind.

Freiheit impliziert stets die Möglichkeit zur Gestaltung. Deshalb sind wir im Rahmen unserer Limitierungen aktive Mitschöpfer des Universums und nicht bloß dessen Resultat. Warum diese Einsicht für Ihr Alltagsleben von herausragender Bedeutung sein könnte, ergründen wir in unserer Artikelsammlung zur Spiritualität. An dieser Stelle wollen wir zunächst noch den Schöpfungsprozess nach „Ra“ und „Michael“ etwas gründlicher beleuchten, um ein vollständigeres Bild zu erhalten.

3) Die Rolle von Licht und Liebe

Ziel aller Schöpfung ist wie gesagt die Selbsterfahrung: Das „Göttliche“ will sich selbst erkennen. Weil Erkenntnis ein erkennendes Subjekt und ein zu erkennendes Objekt voraussetzt, muss sich das „Göttliche“ teilen. So erleben wir uns als „göttliche Fraktale“ auf verschiedenen Bewusstseinsstufen („Dichten“) und in unterschiedlichen Wirklichkeitsebenen in gegenseitiger Interaktion.

Die objektiven Manifestationen, die wir in unserer „dritten Dichte“ in Raum und Zeit wahrnehmen (Materie), basieren laut „Ra“ auf „Licht“. Licht ist für „Ra“ also die primäre Substanz, die aus der Schöpferkraft der „Intelligenten Unendlichkeit“ hervorgeht und mit der diese das materielle Universum formt: „Das einfachste manifestierte Wesen ist Licht oder was ihr das Photon nennt.” (Elkins, Don; McCarty, Jim; Rückert, Carla L.: Der Ra-Kontakt, S. 264)

Auf Don Elkins Nachfrage, ob Licht sich tatsächlich gleichsam in „Material, in all unsere chemischen Elemente, so wie wir sie in unserer Dichte kennen, verdichten [kann]“, antwortet „Ra“: „Dies ist völlig korrekt.“ (S. 195)

Wenn nun das „Göttliche“ („Intelligente Unendlichkeit“) beziehungsweise dessen Fragmente („Sub-Logoi“) schöpferisch tätig werden, agieren sie laut „Ra“ aus einer Kraft der „Liebe“ – verstanden im Sinne eines aufbauenden, ordnenden, integrierenden Prinzips:

 „Es ist notwendig, die ermöglichende Funktion des Fokus zu betrachten, der als Liebe bekannt ist. Diese Energie ist von einer ordnenden Natur. Sie ordnet auf eine aufaddierende Weise von größer zu kleiner [...].“ (S. 195)

Der Akt der Schöpfung mittels „Liebe“ sowie deren äußerlich wahrnehmbare Manifestationen in Form von „Licht“ (beziehungsweise der daraus resultierenden Materie) sind laut „Ra“ zwei Seiten der derselben Medaille, weshalb er „Liebe“ und „Licht“ meist als Doppelbegriff verwendet. Denjenigen Aspekt, der je nach Kontext schwerpunktmäßig gemeint ist, stellt „Ra“ voran:

„Liebe/Licht ist der Ermöglicher, die Kraft, der Energiegeber. Licht/Liebe ist die Manifestation, die geschieht, wenn Licht mit Liebe beeindruckt worden ist.” (S.108)

Liebe (als Schöpferkraft) und Licht (als wahrnehmbare Substanz) sind also die beiden Prinzipien, durch deren Zusammenspiel sich das Universum in unserer Wahrnehmung darstellt. Folglich existiert Materie in der Kosmologie des „Ra-Kontakts“ nicht als unabhängige Substanz aus sich selbst heraus. Stattdessen geht sie aus der liebevollen (ordnenden) Schöpfung eines bewussten Geistes („Intelligente Unendlichkeit“) hervor. Als Menschen mit biologischem Körper sind wir deshalb alles andere als nur ein Produkt von Materie. Wir sind fraktale Elemente eines allumfassenden Bewusstseins:

„Ihr seid nicht Teil eines materiellen Universums. Ihr seid Teil eines Gedankens. [...] Alle Dinge, alles Leben, die ganze Schöpfung ist Teil eines ursprünglichen Gedankens.“ (S. 22)

Die „Michael-Teachings“ kommen zu ähnlichen Schlüssen. Laut „Michael“ entstammen wir Menschen einem „Spark“, also einem „Funken“ des göttlichen „Tao“. Dessen Schöpferkraft setzt er wie „Ra“ mit Liebe gleich: 

„Das Tao ist der grundlegende Schöpfer und es hat das Universum als seine ‚Werkstätte‘ geschaffen, in der es sich manifestieren und sich selbst besser kennenlernen kann. Das Tao durchdringt das Universum mit Liebe, die die belebende Kraft, der Grundimpuls in der gesamten Schöpfung ist. […] Als Teil des Tao hat unser Funke Anteil an der Kreativität des Tao. […] Wir erforschen, erleben und erschaffen, um das Potenzial des Tao besser zu verwirklichen und ihm eine Fülle neuen Wissens über sich selbst zurückzugeben. Da die Natur des Tao Liebe ist, geht es uns letztlich darum, die Liebe zu erweitern.“ (Hoodwin, Shepherd: Journey of Your Soul, Berkeley 2013, S. 109, eigene Übersetzung) 



4) Das höhere Selbst und die Entwicklung zur Einheit

Was „Michael“ hier als „Funken“ bezeichnet, ähnelt dem spirituellen Konzept des „höheren Selbst“ beziehungsweise der „Individuated Unit of Consciousness“ (IUOC) aus Thomas Campbells Simulationstheorie. Die einzelne Seele ist in dieser Betrachtungsweise eine Ausstülpung oder Untereinheit dieses „höheren Selbst“.

Thomas Campell nutzt für diese Untereinheit die Bezeichnung „Free Will Awareness Unit“ (FWAU). „Michael“ nennt sie einfach „Seele“, „Fragment“ oder „Essenz“:

„Unser Funke belebt unsere Essenz. Der Funke ist unser Kern, der Teil von uns, der eine Bewusstseinseinheit des Tao ist, der auch als ‚Alles was ist‘ oder ‚Grund allen Seins‘ bezeichnet wird. […] Wenn unsere Essenz die Erfahrungen unserer Reihe von Erdenleben sowie unsere Erfahrungen auf höheren Ebenen integriert, werden sie Teil des Wissens unseres Funkens.“ (Hoodwin, Shepherd: Journey of Your Soul. A Channel Explores the Michael Teachings, Berkeley 2013, S. 108, eigene Übersetzung)

Wie wir weiter oben gesehen haben, gruppieren sich Seelen beziehungsweise „Essenzen“ im Laufe ihres Erfahrungsprozesses zu Kollektiven. „Michael“ spricht von „Seelenfamilien“, „Ra“ spricht in einem etwas anderen Zusammenhang von „sozialen Erinnerungskomplexen“. Wenn Selbsterkenntnis das Ziel aller Schöpfung ist, wird klar, welcher Zweck solchen Zusammenschlüssen zugrunde liegt. Hierzu nochmal „Ra“:

„Der Zweck oder die Betrachtung, die Wesen dazu veranlasst, solche Komplexe, diese sozialen Erinnerungskomplexe, zu bilden, ist eine sehr einfache Erweiterung der grundlegenden Verzerrungen zur Erkenntnis des Schöpfers seines Selbst, denn wenn eine Gruppe von Geist/Körper/Seelen einen sozialen Erinnerungskomplex bilden kann, steht alle Erfahrung jedes Wesens dem Ganzen des Komplexes zur Verfügung. So erkennt der Schöpfer mehr seiner Schöpfung in jedem Wesen, das an dieser Gemeinschaft von Wesen teilnimmt.” (Elkins, Don; McCarty, Jim; Rückert, Carla L.: Der Ra-Kontakt, Oberkrämer 2021, S. 291)

In ähnlicher Weise skizzieren die „Michael-Teachings” unseren Entwicklungsprozess:

„Wenn wir vom Tao abgesondert werden, werden wir zu einem ‚Fragment‘. […] Danach beginnt unsere Reise zurück zur völligen Fokussierung auf das Tao, der Erfahrung der absoluten Einheit. […] Diese Reise beinhaltet aufeinanderfolgende Schritte der Wiedervereinigung.“ (Hoodwin, Shepherd: Journey of Your Soul, Berkeley 2013, S. 109, eigene Übersetzung)

Das letztendliche Entwicklungsziel besteht demnach in der Erfahrung als Einheit durch die Überwindung von Vielheit. Letztere war notwendig, um überhaupt Selbsterkenntnis erlangen zu können. Die Entwicklung von der Einheit zur Vielheit und wieder zurück zur Einheit gleicht einer pulsierenden Bewegung: Zunächst teilt sich das „Göttliche” durch die Erschaffung des Universums in Einzelfragmente, um im Laufe eines schrittweisen Evolutionsprozesses zur Einheit zurückzufinden.
Unser Menschsein kann insofern als eine Zwischenstation einer langen Reise verstanden werden. In der physischen Realitätsebene beziehungsweise in der „dritten Dichte” sind wir noch sehr weit von der angestrebten Einheitserfahrung entfernt. Wir sind jedoch nicht auf uns allein gestellt. Wir erhalten Unterstützung von höheren Wesen, die ihre physische Existenzform schon lange hinter sich gelassen haben. Die Motivation dieser Kollektivwesen beruht auf liebevoller Verbundenheit, gespeist durch die Sehnsucht nach Vereinigung mit dem Schöpfer, aus dessen Einheit wir alle als „Funke” beziehungsweise als „Sub-Logos” herausfragmentiert wurden.

Die Vollendung der pulsierenden Bewegung von der Einheit zur Fragmentierung und wieder zurück bezeichnet Shepherd Hoodwin, eines der bekanntesten „Michael”-Medien, als „grand cycle”, also als „großen Zyklus”. „Ra“ umschreibt den Weg eines sich entwickelnden Wesens in ähnlicher Weise als „Oktave“. 

Die Begriffe „Zyklus“ und „Oktave“ deuten schon darauf hin, dass die pulsierende Bewegung des „All-Einen“ keine einmalige Episode ist. „Ra“ bemerkt hierzu:

„Wir können zu euch von unseren Erfahrungen und unseren Erkenntnissen sprechen und auf begrenzte Weise lehr/lernen. Wir können jedoch nicht in festem Wissen über alle Schöpfungen sprechen. Wir wissen nur, dass sie unendlich sind. Wir nehmen eine unendliche Zahl von Oktaven an.” (Elkins, Don; McCarty, Jim; Rückert, Carla L.: Der Ra-Kontakt, Oberkrämer 2021, S. 197)

Etwas anderes scheint auch schwer vorstellbar, denn ein Ende würde Stillstand bedeuten, was die immanente Schöpferkraft des „Göttlichen“ ersticken würde. Kreisläufe zeigen sich im ganzen Universum. Sie reichen vom Entstehen, Erlöschen und Wiederentstehen der Sterne (Supernovae) über den Wechsel der Jahreszeiten, die Tag-Nacht-Zyklen, die ökologischen Kreisläufe mitsamt allen biologischen Kreisläufen wie etwa dem Fruchtbarkeitszyklus oder dem Blutkreislauf bis hin zur wiederholten Inkarnation des Menschen. So scheint das ständige Werden und Vergehen ein fundamentales Prinzip der Wirklichkeit zu sein, das am Ende vielleicht sogar das Universum als Ganzes betrifft.

5) Weiterführende Informationen und Buchtipps