Themenbereich
Religion, Mythologie und Spiritualität

Zur Essenz der Weltreligionen (3/4)
Weltrelgionen im Vergleich - Teil 2: Irdisches Leid und Leben nach dem Tod


Wo trotz aller Unterschiede im Detail der gemeinsame Kern aller Religionen steckt


1) Beeinflusst unser diesseitiges Tun das Leben nach dem Tod?

Obschon der Buddhismus keine Seele kennt (siehe vorige Artikelseite), glaubt er an das Leben nach dem Tod und die Wiedergeburt. Die auf der vorigen Artikelseite genannten „Skhandas“ überdauern demnach den physischen Körper und werden als zusammenhängende Gruppe wiederverkörpert. Grundlage dafür ist „Samsara“, der ewige Kreislauf des Werdens und Vergehens allen Seins. Nichts kann in diesem Kreislauf endgültig sterben, alles kann sich laut Buddhismus immer nur wandeln. Solange wir es nicht schaffen, unsere Ich-Illusion zu überwinden, werden wir darum immer wieder in verschiedenen Körpern inkarnieren.

Welche neuen Erfahrungen ein neues Erdenleben mit sich bringt, hängt laut Buddhismus von unserem „Karma“ ab. Karma bedeutet so viel wie „Wirken“ oder „Handlung“. Es resultiert aus dem, was wir als Menschen denken und tun und lässt sich als eine Art Ursache-Wirkungsbeziehung begreifen, die über mehrere Leben hinweg fortbesteht. Verhalten wir uns anderen gegenüber schlecht, häufen wir negatives Karma an. Dann werden wir in einem nächsten Leben selbst entsprechende Erfahrungen machen. Verhalten wir uns gut, häufen wir positives Karma an und werden in einer späteren Inkarnation ein friedvolleres Dasein erfahren können.

Das Prinzip von Karma und Wiedergeburt begegnet uns in ähnlicher Weise im Hinduismus, im Taoismus und auch in Thomas Campbells Simulationstheorie

Selbst der Physiker Burkhard Heim konnte sich für den Gedanken der Wiedergeburt erwärmen und nahm an, dass diese nicht zufällig erfolgt, sondern von der Qualität des psychisch-mentalen Komplexes abhängt, der sich einen neuen Körper im Bios sucht (siehe hierzu unsere Artikelseiten zu Heims Syntrometrie und zu Heims Deutung paranormaler Phänomene). Moralische Implikationen lagen Heim dabei aber fern.

Die abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) lehren keine Wiedergeburt, wohl aber ein Leben nach dem Tod. Es gibt hier auch kein Karma. Dennoch kann unser Verhalten zu Lebzeiten je nach Religion einen Einfluss auf das nehmen, was danach kommt. Wer Erlösung und in den Himmel will, muss Gottes Gnade erhoffen und seinen Geboten folgen. Im Alten Testament und im Koran werden ehrfürchtiger Glaube und unbedingter Gehorsam verlangt. Ungläubigen und Sündern drohen im Islam und im Christentum ewige Höllenqualen, die auf besonders martialische Weise im Koran, zum Teil aber auch im neuen Testament umschrieben werden.

Die abrahamitischen Religionen fordern aber nicht nur Gefolgschaft. Sie halten die Gläubigen auch dazu an, ihren Mitmenschen kein Leid zuzufügen und ihnen im Gegenteil mit Wohlwollen zu begegnen: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, heißt es schon im Alten Testament (3. Buch Mose, 1,34). 

Auch der Islam lehrt Rücksichtnahme und Solidarität, insbesondere mit den Armen und Schwachen. Das Gebot, Almosen zu entrichten („Zakāt“), gehört zu den fünf grundlegendsten Pflichten eines jeden Muslimen. Keine einzige der großen Religionen predigt das Streben nach Macht und Reichtum. Bedenken Sie in diesem Zusammenhang auch die Symbolik, die sich hinter Jesu Geburt in einem Stall (!) und seinem Einzug in Jerusalem auf dem Rücken eines Esels (!) verbirgt.

In den fernöstlichen Religionen wird Erlösung als Ausstieg aus „Samsara“, dem ewigen und leidvollen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt angestrebt. Um diesen Zustand zu erreichen, muss sich ein Mensch all seines negativen Karmas entledigen. Dies erfordert wiederum, sich von Gier, von Ruhmsucht und von Hass zu befreien, um stattdessen die Verbundenheit mit anderen beziehungsweise mit dem All-Einen zu stärken. Buddha beispielsweise wandte sich vom wohlhabenden Hof seiner adligen Eltern ab, um in der Meditation Erleuchtung zu finden und sein Erfahrungswissen mit anderen Menschen zu teilen.

Gleich welcher Weltreligion man folgt, ist es also nicht egal, womit man sein Erdenleben zubringt. Alle Religionen legen eine moralische Richtschnur an uns an. Dazu zählt in allen Religionen, sich rücksichtsvoll und solidarisch zu verhalten. Gier und Egoismus werden immer abgelehnt.

In der Betonung von Nächstenliebe und Solidarität zeigt sich erneut eine Parallele zu Campells Simulationstheorie wie auch zu Platons Lehre vom „Guten“ als Zweckursache allen Daseins. Beide sehen in der Reduktion von Egoismus die Zielrichtung seelischer Entwicklung. Zugleich klärt sich damit auch die Frage, warum es Leid in dieser Welt gibt. Es entspringt unserem Unwissen über die wahre Natur unseres Seins und unserem daraus resultierenden Egoismus.

2) Die Fragwürdigkeit göttlicher Bestrafung

Im Hinduismus und Taoismus ist unsere wahre Natur göttlich. Nach Thomas Campbells Simulationstheorie sind wir ein Fraktal eines umfassenden All-Bewusstseins und bei Platon eine dem „Guten“ entsprungene Seele. Juden, Christen und Muslime sehen uns als Kinder (Geschöpfe) Gottes. Und im Buddhismus liegt unsere wahre Natur jenseits des illusionären Ichs. Unser freier Wille erlaubt es gemäß jeder der hier genannten Ansichten, die angeblich „wahre Natur“ unseres Seins zu verkennen. Aus dieser Unwissenheit folgt dann jeweils das Gefühl, ein von Gott beziehungsweise allen anderen Geschöpfen abgesondertes Individuum zu sein. Statt Geborgenheit empfinden wir deshalb Angst und das Gefühl von Mangel. Oder wir überhöhen uns und entwickeln Selbstherrlichkeit. So entsteht der Nährboden für Gier, Machtstreben, Missgunst, Unterdrückung und andere Formen selbstsüchtigen Verhaltens, die in der Geschichte der Menschheit zu unermesslichem Leid ganzer Generationen und Völker geführt haben.

Manche Religionen mutmaßen, dass wir in diesem selbstherrlichen Verhalten von höheren Wesen bestärkt beziehungsweise von solchen Wesen erst dazu verführt werden. Darauf werden wir auf der nächsten Artikelseite (Götter, Geister und andere Welten) noch genauer eingehen. Manche Religionen glauben außerdem, dass ein rachsüchtiger und zorniger Gott auf die Selbstherrlichkeit von Menschen reagiert, indem er Ungläubige und Sünder noch im Diesseits bestraft. In solchen Fällen würde menschliches Leid nicht (nur) aus den egoistischen Taten der Ungläubigen, sondern (auch) aus deren unmittelbaren Bestrafung durch Gott resultieren. Im Alten Testament lassen sich für diesen Glauben zahlreiche Beispiele anführen – man denke nur an die Sintflut (Gen 6,17: „Alles auf Erden soll seinen Tod finden“) oder die Zerstörung der Städte Sodom und Gomorra (Gen 19,23: „Er ließ ihre Städte einstürzen mitsamt ihrem ganzen Umkreis, auch alle Einwohner der Stadt und alles, was auf den Feldern wuchs“).

Neben egoistischen Willensakten des Menschen und der Bestrafung durch Gott finden wir im Alten Testament das Motiv der Prüfung als weitere mögliche Ursache von Leid.

In Genesis 22(1-18) fordert Gott Abraham auf, seinen Sohn Isaak zu opfern. Auch die Leiden Hiobs (Buch Hiob) können als Prüfung Gottes oder aber als eine unergründliche „Sühne des Gerechten“ interpretiert werden, sofern Gott sogar die Frommen und Unschuldigen leiden lässt.

Uns persönlich erscheinen diese Konzepte des Alten Testamentes ebenso wie das Motiv der Bestrafung rational überhaupt nicht nachvollziehbar. In Anbetracht des unermesslichen Leids, das gerade dem jüdischen Volk selbst widerfahren ist (Diaspora, Holocaust), bleibt die Frage, warum Gott derartiges Leid zulässt, nicht zuletzt aus Sicht des Judentums ein riesiges Mysterium. Das fernöstliche Konzept des Karma macht das Leid der Juden und anderer Opfer von Vertreibung, Unterdrückung, Folter, Krieg und Vernichtung natürlich auch nicht erträglicher. Weil es aber ohne das Konzept eines personenhaften und allmächtigen Gottes auskommt, sondern menschliches Leiden stets als von Menschen selbst verursacht ansieht, gerät es nicht in die Erklärungsnöte, denen sich die abrahamitischen Religionen ausgesetzt sehen, wenn sie die Frage beantworten müssen, warum ihr Gott schreckliches Leid zulässt oder gar will.

Rational unverständlich sind auch die furchteinflößenden Androhungen ewiger Höllenqualen im Neuen Testament und im Koran, da ewiger Strafvollzug selbst im Falle von Reue und Einsicht keinerlei Chance auf Wiedergutmachung zulässt und die extreme Grausamkeit der Bestrafung davon abgesehen völlig überzogen scheint.

Das angstbesetzte Konzept eines strafenden, zornigen und quälenden Gottes verweist darum aus unserer Sicht nicht auf eine tiefere Wahrheit, sondern vielmehr auf weltliche Herrschaftsinteressen, über deren historischen Ursprung sich rückwirkend nur spekulieren lässt. Ob dabei vielleicht sogar „geistige“ Wesen ihre Finger mit im Spiel hatten, ist Gegenstand weiterer Spekulationen, denen wir später nachgehen werden (siehe hierzu unsere Artikelsammlung zu den zeitgenössischen Channelings "Michael-Teachings" und "Ra-Kontakt").

3) Fazit: Die Gemeinsamkeiten im Überblick

Ziehen wir ein weiteres Zwischenfazit: Trotz mitunter sehr unterschiedlichen Vorstellungen zu den Themen Leid, Erlösung, Ziel des Erdenlebens und Leben nach dem Tod sind sich alle großen Religionen darin einig, dass... 

1. … wir nach dem physischen Tod in einer anderen Form fortexistieren. 
2. … unsere Handlungen zu Lebzeiten Auswirkungen auf unser Leben nach dem Tod haben können und eine jenseitige Erlösung von unserem Leid möglich ist (durch Gottes Gnade und/oder durch eigenes, richtiges Handeln).
3. … wir nicht nach Ruhm, Macht und materiellen Reichtümern streben sollten. Abrahamitische wie fernöstliche Religionen raten gleichermaßen von egoistischen Verhaltensweisen ab und befürworten eine Gegenseitigkeit im Umgang.

Ausgehend von dieser letztgenannten Gemeinsamkeit hat der bekannte Theologe Hans Küng schon in den 1990er Jahren versucht, den Dialog der Religionen voranzutreiben, um in der Hoffnung auf Weltfrieden eine tragfähige Basis zur internationalen Verständigung der Völker zu legen. Die Erfolge blieben leider bescheiden. Nach wie vor scheinen religiöse Überzeugungen die Menschen eher zu spalten, als sie zu einen. Die zahlreichen Differenzen werden von den Gläubigen offenbar stärker wahrgenommen als die wenigen, dafür aber umso grundlegenderen Gemeinsamkeiten.

4) Weiterführende Informationen und Buchtipps