Themenbereich
Religion, Mythologie und Spiritualität

Spirituelles Erwachen (2/4)
Bewusstseinsarbeit als "subjektive Wissenschaft"


Wie man seine Bewusstseinsentwicklung vorantreiben und seinen spirituellen Fortschritt auch "messen" kann


1) Der Beginn von Bewusstseinsarbeit

Auf der vorigen Aritkelseite haben wir drei Aspekte kennengelernt, die den spirituellen Pfad zur Quelle allen Seins ebnen: die innere Selbsterkundung, die Nutzung der uns innewohnenden Schaffenskraft und die empathische Verbindung mit der Schöpfung. Die letzten beiden Aspekte sind durch äußere Handlungen sichtbar. Sie sind sozusagen die Manifestationen des inneren Bewusstseinszustandes. Das wiederum bedeutet: Nur wenn sich unser Bewusstseinszustand verändert, können wir unser Handeln und Verhalten ändern.

Bildquelle: Eigene Grafik, inspiriert von Galke, Matthias: Chaos, Logos, Kosmos. Das Gesetz des Einen und die Evolution von Bewusstsein, Band 2, Oberkrämer 2022, S. 71.

Der Ausgangspunkt spiritueller Entwicklung liegt insofern immer im Bewusstsein. Die konstruktive Auseinandersetzung mit Ihrem Bewusstsein ist deshalb das erste und grundlegendste, was Sie für Ihre spirituelle Entwicklung tun können.

Als individuelle Manifestationen einer gemeinsamen Schöpfungskraft, die in verschiedenen Religionen, Mythologien und Konzepten unterschiedlich benannt wird (Gott, Tao, Brahman, AUO bei Campbell, Das Gute bei Platon, der Wille bei Schopenhauer, ...) sind wir in unserem Inneren mit unserer metaphysischen Quelle verbunden. Diese Verbindung ist intellektuell nicht erfahrbar und physikalisch weder sicht- noch messbar. Sie kann nur emotional und intuitiv wahrgenommen werden. Gerade das fällt wissenschaftlich versierten Menschen aber äußerst schwer. Zudem sind die meisten Menschen in ihrem gewöhnlichen Wachbewusstsein mit allerlei anderen Dingen beschäftigt, sodass sie die tieferen Schichten und Wurzeln ihrer Existenz nicht wahrnehmen: Bildlich gesprochen erfahren wir uns dann nur als einzelne Bäume und konkurrieren schlimmstenfalls darum, wer von uns am höchsten wächst. Dabei spüren wir nicht, dass wir alle gemeinsam im Erdreich (im Metaphysischen) verwurzelt sind und einer gemeinsamen Quelle entspringen

Um mit den tieferen Aspekten des eigenen Seins in Kontakt zu kommen, ist es darum unerlässlich, hin und wieder innezuhalten und aufmerksam in sich hineinzuspüren. In einem ersten Schritt hilft es bereits, über sein eigenes Denken, Handeln und emotionales Empfinden regelmäßig zu reflektieren, sodass man sich selbst und seine gewohnten Reaktionsmuster besser kennen und verstehen lernt. Darauf aufbauend kann man in weiteren Schritten versuchen, bestimmte Aspekte des eigenen Seins zu verändern. Das ist der Beginn von Bewusstseinsarbeit.

Das Ziel aller Bewusstseinsentwicklung ist klar: Es geht um die Überwindung von Trennung und Egoismus. Es geht um bedingungslose Liebe.

Mit Liebe ist im spirituellen Sinne keine romantische Liebe gemeint. Auch Selbstaufgabe hat mit bedingungsloser Liebe nichts gemein. Es ist nicht das Ziel von Bewusstseinsentwicklung, sich permanent aufzuopfern, um anderen Menschen Gefälligkeiten zu erweisen. Bedingungslose Liebe bedeutet einfach nur, andere Menschen und Wesen so anzunehmen, wie sie sind, mit ihnen mitzufühlen, ihnen Gutes zu wünschen und ihnen, indem man sein Herz öffnet, etwas zu geben, seien es freundliche Gesten, herzliche Emotionen, hilfreiche Gedanken oder förderliche Taten. So kann Verbundenheit entstehen, ohne dass man sich selbst verleugnen muss.

Liebe schließt die Selbstliebe ausdrücklich mit ein – nicht in Form von Selbstsucht oder gar Selbstvergötterung, sondern im Sinne einer bedingungslosen Selbstakzeptanz. Selbstliebe heißt, sich vollständig zu bejahen, mit all seinen vermeintlichen Schwächen und Verfehlungen. Für spirituelles Wachstum ist das eine elementare Voraussetzung. Es wäre kontraproduktiv und irrsinnig, sich selbst zu verurteilen, weil man sich zu egoistisch findet oder weil man der Meinung ist, dass man nicht genug liebt. Man kann ja mit seiner Entwicklung nur dort anfangen, wo man aktuell steht. Die Devise darf nicht lauten: Ich bin noch nicht gut genug und ich muss mich verbessern! – Stattdessen könnte sie lauten: So wie ich bin, bin ich gut. Ich würde mich sehr freuen, noch mehr in die Liebe zu kommen, aber es ist überhaupt nicht schlimm, wenn das nicht sofort und nicht immer gelingt. Ich tue, was ich kann und bin nachsichtig mit mir selbst. Vergeben Sie sich also immer dann, wenn Sie etwas getan haben, worüber Sie sich im Nachhinein ärgern oder wofür sie sich schämen. Niemand ist perfekt. Was zählt, ist Ihr guter Wille.

2) Wie kann man Bewusstseinsentwicklung "messen"?

Bewusstseinsarbeit ist ein Lebensziel. Sie ist sogar ein mehrere Leben übergreifendes Ziel, das uns ständig, ob bewusst oder unbewusst, begleitet und antreibt. Doch wie kommt man diesem Ziel näher? Was kann man tun, um sich in einen Zustand zu bringen, der eine Überwindung von Trennung und Egoismus erlaubt?
Wie wir bereits wissen, ist die Trennung zwischen uns Menschen nur oberflächlich. Auf einer tieferen Ebene sind wir mit allen anderen Wesen und Erscheinungen dieser Welt verbunden (siehe vorige Abbildung in Abschnitt 1). Wenn wir uns den tieferen Ebenen unseres Daseins gewahr werden, dann werden wir diese Verbundenheit spüren können. Alles Weitere wird dann von allein kommen. Denn sobald wir unsere innere Wahrnehmung in Richtung Verbundenheit ausdehnen, folgen entsprechende Verhaltensänderungen auf dem Fuße. Das Innen kehrt sich zwangsläufig nach außen. Anders geht es auch nicht. Liebevolles Verhalten kann man nicht schauspielern. Und wenn doch, dann wirkt es nur aufgesetzt und bleibt nicht von Dauer. Letztlich führt also kein Weg daran vorbei, an der Wahrnehmung unseres eigenen Selbst und damit zugleich an der Wahrnehmung der Welt um uns herum zu arbeiten.

Eine tiefere Wahrnehmung wird ferner dabei helfen, Bedürfnisse und kreative Potentiale aufzuspüren, die nach Entfaltung drängen. 

Diese Potentiale auszuleben, verleiht unserem Leben mehr Authentizität und Freude. Das wiederum setzt Energien frei, die es uns ermöglichen, anderen Menschen mehr zu geben: Wer mit sich selbst im Einklang ist, der kann auch herzlich zu anderen sein. Wer hingegen unzufrieden ist, der neigt eher dazu, Konflikte zu produzieren. Für diese Einsicht braucht man kein spiritueller Mensch zu sein. Beispiele hierfür kennt wohl jeder aus seinem persönlichen Umfeld.

Um festzustellen, wie man auf seinem Weg ins Liebesbewusstsein vorankommt, empfiehlt es sich, sein Alltagsleben über einen längeren Zeitraum immer mal wieder zu beobachten: Ist mehr Selbstzufriedenheit eingekehrt? Wie hat sich die Beziehung zu anderen Menschen entwickelt? Gibt es mehr oder weniger Konflikte? Und wie steht es um die Verbundenheit zur Natur?

Sofern Sie Selbstbeobachtungen wie diese regelmäßig und systematisch anstellen, können Sie „subjektive Wissenschaft“ betreiben. Ihr eigenes Empfinden und die Reaktionen Ihrer Mitmenschen sind dann sozusagen die empirischen Messdaten, auf deren Basis Sie Ihre persönliche Entwicklung einschätzen können. 

Achten Sie darauf, dass Sie Ihre Selbstüberprüfung ohne Verbissenheit vollziehen. Keinesfalls sollten Sie sich im Falle von Misserfolgen verurteilen. Versuchen Sie einfach nur herauszufinden, ob und welche Ihrer Bemühungen Früchte tragen und welche nicht. Wenn Sie zum Beispiel nach einem halben Jahr intensiver Bewusstseinsarbeit bemerken sollten, dass Sie achtsamer mit Ihrer Umwelt geworden sind, weniger Streitigkeiten in der Familie oder am Arbeitsplatz ausfechten und noch dazu weniger Ängste leiden, dann wären das belastbare Indikatoren dafür, dass Sie auf einem guten Weg sind.

Das Einzige, was Sie nun noch brauchen, um mit Ihrer Selbsterforschung beginnen zu können, sind praktische Hinweise darauf, wie Sie Bewusstseinsarbeit beziehungsweise die Ausdehnung Ihrer inneren Wahrnehmung konkret vorantreiben können. Spirituelle Menschen nutzen hierfür seit Jahrtausenden ein sehr einfaches und effektives Werkzeug: die Meditation. Wie Sie dieses Werkzeug auch als Anfänger ungezwungen und sinnvoll einsetzen können, erfahren Sie auf der nächsten Artikelseite.

3) Weiterführende Informationen und Buchtipps

  • Galke, Matthias: Chaos, Logos, Kosmos. Das Gesetz des Einen und die Evolution von Bewusstsein, Band 2, Oberkrämer 2022, https://shop.dasgesetzdeseinen.de/chaos-logos-kosmos.html
  • Niessen, Frank: Spiritualität für Kopfmenschen. Eine Sinnsuche für Skeptiker, Band 2: Wie man mit Logik zum Sinn des Lebens vorstoßen kann, Hamburg 2024. Die Buchreihe "Spiritualität für Kopfmenschen" ist eine Eigenveröffentlichung von Matrixwissen und enthält viele unserer Online-Artikel aufeinander aufbauend und in ausführlicherer Form: https://frank-niessen.com/sinnsuche/