Wie sich alte Mythologien den Ursprung des Universums vorstellen: Von der Einheit zur Dualität - und von der Dualität zur Vielheit
Wenn man sich die einschlägigen Heldensagen und die märchenhaften Geschichten von eifersüchtigen, Inzest treibenden und herrschsüchtigen Göttern durchliest, kann man sich außerdem nicht des Eindrucks erwehren, dass Mythologien zuvorderst großartige Werke menschlicher Dichtkunst darstellen, mit metaphysischer Wahrheit aber nur sehr wenig zu tun haben. In Anlehnung an den bekannten deutschen Religionskritiker Ludwig Feuerbach könnten wir fragen, ob sich die Menschen ihre Götter nicht einfach nach ihrem eigenen Bilde erschaffen haben, als dass umgekehrt ein Gott die Menschen nach seinem Bilde schuf.
Wer jedoch zwischen den Zeilen liest und anstelle der märchenhaften Erzählungen die dahinterliegenden Grundannahmen studiert, wird in allen Mythologien starke Ähnlichkeiten finden. Möglicherweise sind es eben diese Ähnlichkeiten, die dann doch auf eine metaphysische Wahrheit hindeuten, auf die Menschen zu allen Zeiten einen medialen beziehungsweise intuitiven Zugriff hatten – es sei denn, man möchte unterstellen, dass die im Grundsatz erstaunlich gleichartigen Glaubensinhalte nur zufällig übereinstimmen oder aber dass sie einer gleichartigen Bauweise unserer materiellen Gehirne geschuldet sind, in denen durch gleichartige biochemische und bioelektrische Prozesse jeweils gleichlautende Fantasievorstellungen entstehen. Erwarten Sie im Folgenden keine Heldensagen und keine Familienkonflikte zwischen Göttern. Stattdessen konzentrieren wir uns ausschließlich auf die impliziten Grundannahmen, die den jeweiligen Schöpfungsberichten zugrunde liegen.
Von einer ursprünglichen Leere gingen auch die germanischen Völker aus. Leer war dieses „Ginnungagap“ aber allenfalls im materiellen Sinne, bedeutet es wörtlich doch so viel wie „Raum der magischen Kräfte“.
Die Lakota-Indianer Nordamerikas nahmen eine leere Dunkelheit namens „Han“ an, in der „Wakan Tanka“ mit seinem schöpferischen Potential schlummerte. Mit „Wakan Tanka“ assoziierten sie eine geheimnisvolle Schöpferkraft, aus der alles hervorgeht, was ist. Insofern ähnelt „Wakan Tanka“ sehr dem chinesischen Tao beziehungsweise dem hinduistischen Brahman. Ein nahezu identisches Konzept vertraten die algonkinsprachigen Indianer, die vorwiegend auf dem Gebiet des heutigen Kanada und entlang der US-amerikanischen Ostküste lebten. Sie nannten den einheitlichen Schöpfergeist, der sich in allem Seienden manifestiert, „Manitu“ („Allumfassendes Geheimnis“). Auch die Pueblo-Indianer im Südwesten Nordamerikas gingen von einem allumfassenden „Ur-Geist“ aus. Sie nannten ihn „Awonawilona” („Der Eine, der alles enthält”).
Andere nordamerikanische Indianer hegten plastischere Vorstellungen von der Schöpfung. Eine häufige Erzählung handelt von der Erschaffung der Welt als Resultat des Hervorholens und Formens von Sand oder Schlamm aus dem Meeresboden durch eine „tauchende“ Gottheit. Symbolisch drückt diese Erzählung aber dasselbe Prinzip aus: Das undifferenzierte All-Eine (Ur-Meer) schließt das Potential zur Schöpfung ein (im Meeresboden), welches durch bewusste Absicht eines Schöpferwesens („Taucher“) entfaltet werden kann.
Im Popol Vuh, dem heiligen Buch der Maya, begegnet uns wieder das Motiv eines stillen, leeren Ur-Meers, das am Anfang von nichts außer göttlichen Schöpfungskräften bewohnt wurde. Die Azteken glaubten an den ursprünglichen Schöpfergott Ometeotl („Zweigott“), der die zunächst noch ungetrennte weibliche und männliche Schöpferkraft in sich vereinte.
Ein aus männlicher und weiblicher Kraft zusammengesetztes Götterpaar bildet auch den Ausgangspunkt der indigenen Mythologie Neuseelands: Vor der Entstehung der Welt lagen gemäß dem Glauben der Maori die beiden Götter Ranginui (Vater Himmel) und Papatuanuku (Mutter Erde) Millionen Jahre in tiefster Finsternis und inniger Umarmung als eine feste Einheit beieinander.
Vergleichsweise abstrakt geht es bei den australischen Aborigines zu. Ihre Mythologie enthält keine personenhaften Götter, sondern sieht das Universum als immerwährenden Schöpfungsprozess aus der „Traumzeit“. Der Begriff „Traumzeit“ ist einer etwas irreführenden Übersetzung geschuldet, hat er doch gar nichts mit Schlafen und Träumen zu tun. Stattdessen bezeichnet er eine raum- und zeitlose Parallelwelt, aus der heraus unsere physische Realität laufend hervorgeht und mit der wir Menschen als Seelenwesen in unmittelbarer Verbindung stehen. So erinnert dieses „Traumzeit“-Konzept ein wenig an Platons Ideenwelt, an Burkhard Heims Transdimensionen X5 und X6 oder an Campbells nichtphysische Realitäten (NPMR).
Schauen wir uns hierfür einige Beispiele an:
Bei den Maori in Neuseeland wurden Ranginui (Vater Himmel) und Papatuanuku (Mutter Erde), das vereinheitlichte Götterpaar, durch den eigenen Nachwuchs auseinandergetrieben, weil es diesem zwischen seinen Eltern zu eng wurde. Nachdem seine Geschwister beim Versuch, Vater und Mutter voneinander zu trennen, scheiterten, stemmte Tanemahuta, der Gott des Waldes, die beiden mit seiner gewaltigen Kraft erfolgreich auseinander.
In der aztekischen Mythologie war es der androgyne Gott „Ometeotl“, der aus sich selbst heraus vier Götter als Nachkommen gebar, welche wiederum weitere Götter hervorbrachten, die durch ihre Verschiedenheit in einem dynamischen Zusammenspiel die Schöpfung vorantrieben.
Im Popol Vuh der Maya vollzieht sich die Schöpfung infolge eines Dialogs zwischen den Göttern „Gucumaz“ (Herz der Erde) und „Huracen“ (Herz des Himmels). Zahlreiche nordamerikanische Mythologien erzählen, wie bei der Erschaffung der Welt durch einen Ursprungsgott weitere Götter oder Wesen entstanden, die jeweils positive oder negative Eigenschaften besaßen.
Die Idee unterschiedlich gepolter Götter finden wir auch bei den Zoroastriern: Der persische Schöpfergott „Zervan“ gebar die Zwillinge „Ahura Masda“ und „Ahriman“, wobei ersterer die Weisheit, das Licht und die Schöpferkraft verkörpert, der zweitgenannte hingegen das Böse und das Leid.
Nicht zwei, sondern gleich fünf Gottheiten gingen aus dem anfänglichen Chaos der griechischen Mythologie hervor. Von diesen fünf Gottheiten gebar aber nur die Erdgöttin „Gaia“ Nachkommen, die wiederum weitere Nachkommen zeugten, bis hin zu den olympischen Göttern unter der Führung von Zeus.
Bei den Ägyptern zeugte der Schöpfergott „Atum“ (später auch als „Re“ oder „Ra“ bezeichnet) eine breite Nachkommenschaft, indem er seinen Samen über die Leere verteilte. Die Nachkommen lieferten sich ähnlich wie die griechischen Götter Eifersuchtsdramen und Machtkämpfe, die schlimmstenfalls sogar in heimtückischen Morden endeten.
Ungesittet ging es manchmal auch bei den sumerischen Göttern zu. Und auch bei den Sumerern entstand die Welt infolge einer Spaltung durch Zeugung: Die Urgöttin „Nammu“ gebar den männlichen Himmelsgott „An“ und die weibliche Erdgöttin „Ki“, die zusammen weitere Götter als Nachkommen zeugten.